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Braucht ein Kind Gotti und Götti? Ich finde es natürlich richtig, dass ein Kind eine Beziehung aufbauen kann außerhalb der Familie. Ich finde aber, dass es in die unreflektierte "weil es sich gehört" Schublade gehört und Zwangsersatz dafür ist, dass solche Beziehungen hierzulande oft nicht natürlich entstehen. Von mir wird erwartet, dem Neffen (das Gottekind) Geschenke zu machen und mich ihm zuzuwenden, nicht aber seinem Bruder. Das Gotti quasi als exklusive Berechtigung zum Beziehung-Aufbauen. Regula, 37

Liebe Regula

Spannende Frage. Früher hatte das Götti-Gotte-Konzept ja den tieferen Sinn, dass man das Kind zu sich nehmen würde, sollte den Eltern etwas geschehen. Heute hat es diesen Sinn vollkommen verloren, obwohl ich mir diese Frage bei beiden meinen Gottekindern gestellt habe. Würde ich in so einem Fall das Kind bei mir aufnehmen? Ich konnte es bei beiden mit vollem Herzen bejahen. Ob es mich als Gotte braucht, kann ich nicht beurteilen, ob ich eine Brauchbare bin, schon eher; nein (dem einen Mädchen habe ich zum ersten Geburtstag am falschen Tag gratuliert und dem andern ein Namensgravur-Goldarmband geschenkt, allerdings ohne Gravur). 

Mir persönlich gefällt der Gedanke, dass man einem Kind eine oder zwei weitere Bezugspersonen zur Seite stellt. Allerdings hinterfrage ich auch, ob es die wären, die das Kind sich aussuchen würde, wenn es denn dürfte. Vermutlich werde ich für meine Gottemeitli eine gute Bezugsperson sein, sobald sie in die Pubertät kommen, aber davor würden Sie von einer anderen sicher mehr profitieren. Und dann gibt es neben der Beziehung zum Gottekind ja auch noch die zu den Eltern und die kann sich im Laufe der Zeit verändern. Und was passiert dann? 

Bleibt der Götti oder die Gotte noch in Charge, wenn die Eltern die Wahl nicht mehr nachvollziehen können oder sogar bereuen? Oder kann sich eine Beziehung unabhängig davon entwickeln? Das sind alles Fragen, die man sich im Angesicht der Aussage: "Wir würden uns freuen, wenn du Gotte bist!" vermutlich nicht überlegt, mit denen man aber später konfrontiert werden kann. 

Ob die Beziehung zwischen Gottekind und Gotte/Götti eine wertvolle wird, hängt an vielen Dingen, die man nicht im Voraus abschätzen kann. Meine Freundin hat trotz erschwerter Umstände ein sehr enges und wunderbar vertrautes Verhältnis zu ihrer Gotte, ich habe meine seit ungefähr 20 Jahren nicht mehr gesehn. Die Chancen sind vermutlich gleich hoch wie die, dass eine Ehe bestand hat; den einen gelingt es, den anderen nicht. Trotzdem wird weiter geheiratet, der Wunsch nach Zusammengehörigkeit ist stärker als jede Statistik. 

Und das ist es wohl auch, was sich Eltern für ihr Kind wünschen: Menschen, die sich ihrem Kind nah fühlen und die da sind, wenn man sie braucht. Mag sein, dass dieser Brauch eine veraltete Tradition und der Wunsch nach Verbindlichkeit ist. Aber deswegen muss es kein schlechter sein. Und wie man die Funktion der Gotte erfüllt, ist nicht in Stein gemeisselt. 


Ich weiss, dass da zwar klare Vorstellungen bestehen und erwartet wird, dass man wenigstens zu Geburtstag und Weihnachten ein Geschenk überreicht. Aber wenn man erst einmal den 1. Geburtstag verschlafen hat (weil falsch eingetragen), dann flachen die Erwartungen an einen schnell ab und man kann fast nur noch positiv performen. Geben Sie dem Amt den Inhalt, der für Sie stimmt. Denn die Beziehung wird schlussendlich nicht von der Geschenkefrequenz beeinflusst, sondern lediglich davon, ob Sie sich für das Kind interessieren und dieses Sie sympathisch findet, oder nicht. Man kann sein Gottekind lieben, ohne den Firlefanzideen der Eltern gerecht zu werden. Das mag die Beziehung der ersten Jahre vielleicht trüben, aber sobald das Kind eigene Entscheidungen treffen kann, wird es entscheiden, ob die Beziehung wichtig ist, oder nicht. 

Und die Behauptung, dass Sie sich nur dem Gottebueb zuwenden dürfen, nicht aber seinem Bruder, finde ich höchst verstörend. Sie dürfen beschenken, wen Sie sollen und mit was Sie wollen. Lassen Sie sich da keinen Millimeter von Ihrem Weg abbringen, sonst wird das Ganze wirklich nur furchtbar anstrengend und anstrengend ist nie eine gute Basis für ein entspanntes Zusammensein. 

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi

P.S. Mein eigenes Kind muss mit einem einzigen Götti aufwachsen und gedeiht trotzdem prächtig, ich wollte ihm im Laufe des Jahres immer mal wieder eine Gotte unterjubeln, aber es zeigt keinerlei Interesse. 

 

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