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Guten Abend Frau Freitag. Ich lese Ihren Blog schon längere Zeit und schätze Ihre Antworten sehr. Sie sind immer weitsichtig formuliert und klug geschrieben. Darum wende ich mich heute auch mit einer Frage an Sie. Ich bin leider sehr krank und die Ärzte geben mir noch ca. ein halbes Jahr. Darum kümmere ich mich jetzt um meinen Nachlass. Ich bin verwittwet und habe 2 erwachsene Kinder. Zur Tochter habe ich ein sehr gutes Verhältnis, der Sohn hat sich von mir abgewendet schon vor längerer Zeit. Ich spiele mit dem Gedanken, meine Tochter als Haupterbin im Testament einzusetzen. Was halten Sie von diesem Gedanken? Besten Dank für Ihre Antwort und Gruss. Ihr Walter M. 68

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Lieber Walter

Vielen Dank für Ihre lieben Worte, sie haben mich sehr gefreut. Und richtiggehend berührt hat es mich, dass Sie sich mit dieser Frage an mich wenden. Ihr Vertrauen ehrt mich sehr. Auch danke dafür. Es tut mir von Herzen leid, dass Sie eine so schwere Diagnose zu tragen haben, dazu fehlen mir leider die richtigen Worte. Ich hoffe, Sie verzeihen mir das.

Ich verstehe Ihren Gedankengang sehr gut. Es liegt nahe, Nahestehende zu begünstigen gegenüber Entfremdeten. Aber davon halten tue ich trotzdem nichts. Es sind beides Ihre Kinder und wenn ich Ihre Familiengeschichte auch nicht kenne, so wage ich es doch zu behaupten, dass vermutlich beide einen Anteil daran tragen, Sie und Ihr Sohn. Natürlich würde diese Aktion Ihre gegenwärtige Gefühlswelt widerspiegeln, aber sie würde auch einen riesigen Keil zwischen Ihre beiden Kinder treiben und dass kann kaum Ihr Wunsch sein! Es ist eine traurige Tatsache, dass sich ob Testamentseröffnungen meistens ein grosser Familienstreit entbrennt. Bitte wirken Sie so gut es geht dagegen, indem Sie beide gleich stellen.

Vergeuden Sie Ihre wertvolle Zeit nicht mit der Klärung der finanziellen Aufteilung! Sie haben voraussichtliche 6 Monate zur Verfügung. Überlegen Sie es sich gut, wie Sie diese nutzen wollen! Haben Sie darüber nachgedacht, mit Ihrem Sohn Zeit zu verbringen, um heraus zu finden, worunter Ihre Beziehung gelitten hat? Ich weiss, dass es eine sehr schmerzliche Aufgabe sein kann, sich dieser Frage zu stellen. Ich würde es dennoch tun.

Ich staune immer wieder darüber, wie wenig zwischen Eltern und Kindern geredet wird. Und ich meine natürlich nicht die oberflächlichen Gespräche, sondern die, in denen es ums Eingemachte geht. Die wenigsten "Kinder" wissen, was ihre Eltern umtreibt und die wenigsten Eltern wissen es über ihre Kinder. Man geht Problemen tunlichst aus dem Weg, der Harmonie wegen. Und vergibt sich dadurch eine echte Chance, sich gegenseitig kennen zu lernen. Oft haben die verschiedenen Generationen auch verschiedene Wertesysteme. Das kenne ich aus meiner eigenen Familie nur zu gut. Dem einen ist Geld unglaublich wichtig, der andere findet sein persönliches Glück nicht in Statussymbolen, sondern in einer einfachen Aufgabe, oder in den zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Familie.

Finden Sie heraus, was Ihrem Sohn wichtig ist. Wer ist er? Wann ist der Bruch passiert und warum? Verbringen Sie soviel Zeit wie möglich mit Ihren beiden Kindern und leben Sie im Bewusstsein, dass Ihre Zeit ein Ablaufdatum hat. Danach werden Sie keine Fragen mehr stellen, keine Antworten mehr geben können. Begeben Sie sich auf den Weg, der von Risiken gesäumt ist und dennoch in die richtige Richtung führt. Denn Sie haben nicht mehr viel zu verlieren, aber unendlich viel zu gewinnen. Bitte wagen Sie es!

Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Kraft und Mut in dieser furchtbar traurigen und schwierigen Zeit. Alles Liebe.

Ihre Kafi.

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