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Guten Tag Frau Freitag. Ich bin vor 3 Monaten von Bern nach Zürich gezogen weil ich hier studieren werde und die Gelegenheit nutzen wollte, einmal in einer anderen Stadt zu leben. Nun bin ich hier und möchte am liebsten sofort wieder nach Bern zurückzügeln weil ich die Menschen so unfreundlich finde und die Arroganz nicht aushalte, die einem hier entgegenschlägt. Ich überlege, wieder zurück nach Bern zu ziehn und zu pendeln. Aber zuerst wollte ich sie noch um Rat fragen. Soll ich bleiben oder wieder gehen? Svenja Stalder, 29

Liebe Frau Stalder

Herzlichen Dank für Ihre Frage. Vielleicht wissen Sie, dass ich vor x Jahren auch aus dem Mittelland nach Zürich umgezogen bin und davor einige Zeit in Bern gearbeitet habe. Darum kann ich Ihnen gut nachfühlen, wenn Sie mir obige Frage stellen. Wenn ich ab und an durch unsere Hauptstadt (eben Bern, nicht Zürich!) flaniere und ein Geschäft betrete, wo man mich dermassen freundlich begrüsst und berät, dass ich ins Grübeln komme, woher ich diese Person kennen müsste, wird es mir immer wieder bewusst, wie gross der Unterschied doch ist! Ich bin dann immer etwas entsetzt über mich selber, dass ich mich schon so sehr an die uncharmante Schnoddrigkeit gewöhnt habe, mit der man mir in Zürich so oft begegnet und ich reflektiere dann jeweils darüber, ob ich selber auch bereits so geworden bin.

Das Problem ist, dass der Zürcher ums Verrecken cool sein muss und nicht verstehen kann, dass Freundlichkeit die neue Coolness ist. Darüberhinaus ist er dermassen mit sich selber beschäftigt, dass er noch nicht einmal bemerkt, wie peinlich sein zwanghaftes Coolsein ist. Und dann ist es auch noch so, dass in Zürich genügend Menschen leben, die damit zufrieden sind, dass man ihnen miesgelaunt das Mittagessen serviert. Keiner erwartet ein Lächeln und ein Restaurant an guter Lage funktioniert auch mit unfreundlichem Personal. So kann es kommen, dass man sich über das bezaubernde deutsche Fräulein im Service meines Lieblingsrestaurants beschwert, sie sei übertrieben freundlich und lächle den ganzen Tag! Das muss man sich mal vor Augen halten!

Und doch hat auch Zürich zwei Gesichter. Das eine zeigt sich im höchst unsympathischen Velohändler im Kreis 4, der dem Geschäft gegenüber die Kunden abzugraben versucht und einem einen Vortrag hält, man müsse ihm eigentlich ein Bier bringen, wenn man sein Hinterrad pumpen lassen will. Das Andere in der blonden Friseuse im Viaduktbogen, die eigentlich schon auf dem Heimweg ist und extra für mich noch einmal in ihr Geschäft zurückgeht, um mir die Fransen zu schneiden und dann dafür nichts berechnen will. Obwohl ich keine Kundin von ihr und nur gerade vorbeigekommen bin. Und vielleicht wäre es auch hier nur fair zu betonen, dass auch sie eine Deutsche ist, die ihr Glück in Zürich zu suchen scheint. Kann es sein, dass die vielen Deutschen ein Segen für Zürich und eine grosse Chance sind, einen neuen Standart in der Servicewüste zu setzen? Sollte ich mich für eine Zuwanderung von noch mehr Deutschen nach Zürich stark machen? Ich werde das noch heute der neuen Partei "Party Partei", der ich als Vizepräsidentin vorstehe, vorschlagen. Gut möglich, dass dies als Grund genügen wird, mich auszubürgern und an die Grenze zu stellen. Schliesslich will man uns schon länger weismachen, dass das Boot voll ist und keinen Ausländer mehr ertragen kann. Und schon gar keinen Deutschen!

Zürich ist eine Grossstadt und das will sie auch gegen aussen zeigen. Sie ist wirtschaftlich gesehen das Herz der Schweiz und darf trotzdem nicht Hauptstadt sein. Das scheint tief zu sitzen und es kann gut sein, dass Sie als Bernerin das unterschwellig noch stärker zu spüren bekommen. Zürich orientiert sich zwar gerne an Grossstädten wie New York City und Tokyo und hat trotzdem nicht kapiert, dass man sich dort selbst in der grösstmöglichen Anonymität noch zuvorkommend und menschlich begegnet.

Und trotzdem ist Zürich meine Heimat geworden. Ich liebe diese Stadt und möchte sie gegen keine andere in der Schweiz mehr tauschen. Zürich ist grossartig, weil es so vielseitig und wunderschön ist. Und wenn man sein Quartier gefunden hat, wird man auch hier Menschen treffen und Freunde finden, wenn es auch länger dauern wird, als Sie es von Bern gewohnt sind.

Darum rate ich Ihnen zur Geduld. Geben sie Zürich noch eine Chance und bleiben Sie noch ein paar Monate länger. Es braucht Zeit, um irgendwo richtig anzukommen und es wäre schade, wenn Sie jetzt der Stadt bereits wieder den Rücken kehren würden. Und wenn Sie hier gar nicht zurechtkommen sollten, dann empfehle ich Ihnen Winterthur! Winterthur ist eine fabelhafte Stadt mit viel Charme und Herz. Sie hat das Angebot einer Grossstadt und das Flair einer kleinen und liegt sehr nah an Zürich. Ausserdem sollen dort die glücklisten Frauen der Schweiz Zuhause sein. Vielleicht genau das richtige für Sie?

Mit herzlichem Gruss, Ihre Kafi

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