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Hallo Frau Freitag. Bei uns geht es im Moment drunter und drüber. Mein Mann hat vermutlich eine Affäre, mein älterer Sohn kifft und der jüngere tut sonst schwierig. Ich würde am liebsten alles stehen und liegen lassen und für eine Weile abhauen. Geht das? Larissa, 36

Liebe Larissa

Was Sie mir da schreiben, erlebe und höre ich von und in meinem Bekanntenkreis zuhauf. Und zwar genau jetzt, in der heiligen Adventszeit. Und das lässt mich den Verdacht hegen, dass ich recht habe, wenn ich behaupte: Weihnachten ist ein Arschloch. In der Adventszeit gehen viele Beziehungen in die Brüche und Menschen werfen sich vermehrt vor Züge. Weihnachten sollte all das Gute und Liebe in uns wecken und zutage fördern. Und dabei tut es genau das Gegenteil. Anstatt um die Liebe geht es nicht selten um das liebe Geld. Es macht die Menschen kirre, verlassen und einsam. Denn je mehr die Adventsdekoration glänzt, umso mehr legen sich dunkle Schatten über unsere Seelen. Die Harmonie scheint nur bei anderen zu Besuch zu sein, bei sich selbst ist Ärger unterm Dach. Sobald in der Stadt die Weihnachtsbeleuchtung brennt, werden die Menschen dünnhäutig und gleichzeitig hinterfotzig (ein unglaublich dynamischer Mix …) Und all das, was das ganze Jahr über irgendwie akzeptabel war, wird dann an die Oberfläche gespült und muss endlich schmerzhaft eiterbeulenpestmäßig explodieren. Vermutlich geht damit, als wäre das noch nicht genug, der Drang einher, endlich mal wieder Bilanz zu ziehen, nochmals neu zu starten. Und darum bleibe ich dabei: Weihnachten ist ein Arschloch.

Sie haben nun die Wahl. Sie können den vielleicht untreuen Ehemann zum Nikolaus jagen, den kiffenden Sohn im Weihwasser ertränken, den Kleinen mit Schneespray betäuben und sich nach Panama absetzen. Oder aber Sie schalten mal kurz einen Gang zurück, fragen den Mann, ob er wirklich eine Affäre hat oder nur an der vorweihnachtlichen dünnhäutigen Hinterfotzigkeit leidet, die sich zugegebenermaßen wie Untreue anfühlen kann, aber nicht zwingend eine bedeuten muss, und lassen den Sohn sich bis zum Jahresende die Birne vollkiffen. Im Wissen darum, dass ein neues Jahr auch neues Glück bedeutet und dass am 1. Januar schon alles ganz anders aussieht als noch drei Wochen zuvor. Denn glauben Sie mir: Wenn Sie all die Geschichten hören würden, die mir im Moment zugetragen werden, bliebe Ihnen auch nur noch der Schluss: Entweder ist der Vollmond in einer superperversen Konstellation oder Weihnachten ist ein Arschloch.

Mit gutem Gruß! Ihre Kafi.

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