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Hallo liebe Kafi. Wie wichtig hälst du es, in einer langjährigen Beziehung täglich den Kontakt zueinander zu pflegen? Ich bin 4,5 Jahre mit meinem Freund zusammen. Wir haben auch zwischenzeitlich zusammen gewohnt, wir hatten aber letztes Jahr ziemlichen Stress, weswegen wir wieder auseinander gezogen sind. Dann haben wir wieder zueinander gefunden und wollten einen Neustart wagen. Wir leben jetzt in getrennten Wohnungen. Manchmal meldet er sich einfach einen ganzen Tag lang nicht, reagiert nicht auf meine SMS oder ruft zurück. Wenn ich am nächsten Tag frage, warum er sich nicht gemeldet hat, kommen Antworten wie "ich war totmüde und bin nach der Arbeit direkt eingeschlafen", oder "ich habe mich nach der Arbeit direkt meinem Hobby [Musik] gewidmet" oder "ich habe im Moment einfach so viel zu tun." Was würdest du davon halten? Wie wichtig findest du es, dass man innerhalb einer Beziehung jeden Tag miteinander kommuniziert? Ich leide sehr darunter und habe dadurch das Gefühl, dass ich ihm anscheinend nicht so wichtig bin, dass es ihn eben nicht interessiert wie mein Tag war und wie es mir geht, dass er mich vielleicht nicht genug liebt, um überhaupt auf die Idee zu kommen sich bei mir zu melden. Vielleicht übertreibe ich ja auch. Lieben Gruß! Susa, 25

Liebe Susa

Ich muss Ihnen ein Kompliment machen! Sie haben es geschafft, sich von einer recht fixen Lebensituation, dem Zusammen wohnen, in eine neue zu dividieren und dabei die Beziehung aufrecht zu erhalten. Das ist nicht einfach. Im Gegenteil! Das können die Allerwenigsten.

Dass Sie nach dieser Veränderung verunsichert sind, ist darum ganz normal. Vorher war es von der Wohnsituation vorgegeben, dass man sich automatisch täglich begegnet ist und miteinander geredet hat. Das ist nun anders. Die Grenzen haben sich verschoben. Es gibt keine zwangsläufige Überschneidungen mehr. Und das ist auch richtig und gut so. Warum dem so ist, erkläre ich Ihnen weiter unten.

Die eigene Wohnung ist eine Art Territorrium, das über die rein räumliche Begrenzung noch andere, unsichtbare Grenzen beinhaltet. Ich weiss nicht, wie es Ihnen ergeht, aber es gibt nur eine Handvoll Menschen, die zu jeder Tages- oder Nachtzeit bei mir Klingeln können, ohne dass es mich stresst. Natürlich sollen Sie zu diesem engen Zirkel dazu gehören. Und dennoch sollten auch Sie diese unsichtbare Linie respektieren. Und dazu gehört auch der Telefon- und SMS Kontakt. Es ist erstaunlich, wie anstrengend es sein kann, wenn man nicht physisch zusammen ist, aber ständig virtuell in Kontakt steht.

Entspannen Sie sich, liebe Susa. Männer sind in Sachen Kommunikation etwas anders getaktet, als wir Frauen. Oder kennen Sie einen Mann, der stundenlang mit seinem besten Freund hin- und her simst oder hochmotiviert Geburtstagskarten verschickt? Also. Es hat nichts zu bedeuten, wenn er nicht gleich antwortet. Zumindest nichts schlimmes.

Versuchen Sie loszulassen und das Gute zu Sehen, was die Situation in sich trägt. Sie haben zusammen gewohnt, es gab viel gemeinsamen Alltag und wenig eigenen Raum. Es hat nicht funktioniert. Dennoch haben Sie wieder zu einen gefunden. Machen Sie nun bitte nicht den Fehler und nehmen sich gegenseitig den Raum, indem Sie auf tägliches Rapportieren des Alltags bestehen. Kein Alltag dieser Welt ist dermassen spannend, dass man ihn jeden Tag mit jemandem teilen muss!

Und ausserdem haben Sie mit diesen Rahmenbedingungen (getrennte Wohnungen) statistisch gesehen die beste Chance, eine lange und glückliche Beziehung zu leben. Sie können daten, wenn Ihnen der Kopf danach steht. Oder im eigenen Chaos versinken und sich nicht melden, wenn es nichts zu melden gibt. Machen Sie gemeinsame Regeln aus und sprechen Sie mit Ihrem Freund über Ihre Ängste. Männer ragieren anders auf Kontaktenzug, als wir Frauen. Unter Umständen kann er überhaupt nicht nachvollziehen, was in Ihnen vorgeht, wenn er mal keine Lust zum Telefonieren hat. Lassen Sie sich beiden die Freiheiten, die getrenntes Wohnen mit sich bringt. Wenn Ihre Beziehung funktioniert, wird Sie daran wachsen, anstatt, wie befürchtet, zu zerbrechen.

Wir Menschen sind eigentlich nicht dazu gemacht, unsere enge Höhlen zu teilen. Aber weil wir es früher oder später nicht lassen können, Höhlenbabys zu zeugen, die nach gemeinsamer Betreuung schreien, tun wir es trotzdem.

Dieses Aufeinandersitzen macht (auch früher oder später) das Bedürfnis nach dem Aufeinanderliegen zunichte, glauben Sie mir.

Mit einem aufmunternden Stuppser. Ihre Kafi.

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