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Ich arbeite viel und gerne alleine, und bin da relativ wiff und zackig. Manchmal muss man aber mit Menschen zusammen arbeiten, die einen anderen Rhythmus haben als man selbst.  Aber wenn ich mit Leuten eine Sitzung habe, die ewig langsam sind und irgendwie den Laden aufhalten, dann krieg ich innerlich ne Wut. Ich fühle mich gebremst und das macht mich traurig und wütend. Ich unterdrücke die wütende Langeweile bis ich dann, nach einer Stunde oder so, dann doch laut werde und etwas wütendes von mir lasse. Mein Hauptproblem ist nun: Ich schäme mich total dafür. Ich entschuldige mich nachher immer bei den Leuten. Aber oft zieh ich mich nachher zurück und meide dann den Kontakt zu diesen Leuten, aus Angst sie meinen, ich bin eine tollwütige Zicke. Dabei bin ich im allgemeinen ein sehr lieber Mensch... Was meinst du dazu? Petra, 32

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Liebe Petra

Erstens einmal: ICH WEISS, WOVON SIE REDEN! Vor gefühlten 120 Jahren habe ich in der Beamtenstadt Bern eine Boutique geführt und bin schier verzweifelt, weil ich das Gefühl hatte, den Verkäuferinnen im Gehen die Schnürsenkel binden zu können. Mein Mitgefühl ist Ihnen also gewiss. Das alleine bringt Sie allerdings nicht viel weiter, ich weiss.

Diesem Phänomen bin ich über die Jahre hinweg immer wieder begegnet, und es wurde nicht besser, eher noch schlimmer, weil mir die Effizienz meiner Arbeit auch noch  wichtiger war, als der Tratsch an der Kaffeemaschine. Sie können sich sicher vorstellen, dass meine sogenannte "Teamfähigkeit" unter diesen Tatsachen sehr gelitten hat. Gäbe es eine Immunisiserung gegen die Symptome tollwütiger Zicken, man hätte mich von Seiten Arbeitgeber sicher regelmässig zwangsgeimpft. Wenigstens habe ich mich selten für meine Ausbrüche geschämt; ich war meist in männerdominierten Branchen tätig und hatte darum den sogenannten Zyklus-Bonus, und darüber hinaus habe ich es eh nicht so mit der Scham.

Heute sehe ich das Ganze aus einer etwas anderen Perspektive. Wenn ich als Coach mit einem Kunden arbeite, oder als Mutter mein Sohn grossziehe, so kann ich deren Entwicklung zwar begleiten und unterstützen, nicht aber beschleunigen. So wurde ich gezwungen, die Geschwindigkeit anderer mehr zu respektieren und meine daran anzupassen. Dadurch habe ich die Vorzüge erkannt, die ein gedrosseltes Tempo hat. Wo ich früher nur gehastet bin, habe ich Schlendern gelernt. Meine eigene Effizienz hat die letzten Jahre arg gelitten, weil ich mir selber mehr Zeit lasse. Trotzdem habe ich keine Angst, zu spät zu sterben. Was nicht heissen soll, dass ich nicht beinahe die Wände hochgehe, wenn ich morgens meinem Kind zuschaue, wie es sich für die Schule parat macht, oder an einer Kasse stehe, und die Verkäuferin seelenruhig mit ihrer Freundin telefoniert.

Ich hoffe, Sie verstehen ein bisschen, was ich Ihnen sagen möchte. Hinter der Arbeitsweise und dem Pace eines Menschen stehen immer Werte. Bei Ihnen ist es Effizienz; Sie haben immer das Ergebnis im Auge. Einem anderen ist es wichtig, dass im Team eine gute Stimmung herrscht, darum "trödelt" er gerne etwas rum und plaudert mit jedem ein paar Minuten. Ein anderer konzentriert sich auf Details und kümmert sich gewissenhaft um Feinheiten, die mir auf der Überholspur entgehen würden. Wenn Sie sich einmal etwas Zeit nehmen und versuchen zu erkennen, welche Motive und Werte für Ihre Gschpändli massgebend sind, dann werden Sie vielleicht nur noch einmal im Monat Zickenmässig herumschreien. Und dies können wir Frauen ja immer auf den Zyklus schieben, dafür ist er schliesslich da. Am besten heben Sie es sich für die Faulen auf. Die verdienen es wenigstens und so müssen Sie auch Ihr Gewissen nicht unnötig belasten.

Anteilnehmend, Ihre Kafi.

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