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Liebe Frau Freitag. Da Sie sonst zu allem eine Antwort haben, versuche ich mal mein Glück: Ein Freund lebt seit 5 Jahren mit seiner jetztigen Frau zusammen. Von Anfang an war sie während des Zusammenlebens nie wirklich fröhlich, sondern immer schon eher deprimiert. Nachdem sie letztes Jahr angefangen hat eine Therapie zu machen ist jetzt die Diagnose da: Depressionen aufgrund von sexueller Identitätsstörung. Sie wäre eigentlich lieber ein Mann. Jetzt, da die Ursache klar ist, möchte die Person auch eine Geschlechtsangleichung machen.Ihr Mann ist damit ziemlich überfordert – er liebt sie als Mensch, aber steht nun mal nicht auf Männer. Haben Sie einen Tipp wie man mit so einer Situation umgeht? Und was auch wir als Freunde machen können? Besten Dank für Ihre Antwort. Vanessa, 28

Liebe Vanessa

Wie versprochen, erhalten Sie heute nochmals eine neue Version von Antwort auf Ihre Frage von gestern, denn wie Sie ganz richtig vermutet haben, habe ich mich in Ihrer Fragestellung verlesen. Ich habe kurzerhand aus "Ein Freund lebt..." ein "Eine Freundin lebt" gemacht und die männliche Perspektive darob ganz einfach vergessen. Allerdings ist die Fragenstellung tatsächlich etwas komplex und es ist nur bezeichnend, dass man(n) da  etwas die Übersicht verliert.

So wird es Ihrem Freund ja auch ergehen. Da heiratet er nichtsahnend eine Frau, die danach in einen unglücklichen bis depressiven Zustand verfallt und die ihm dann erklärt, dass sie lieber als Mann leben würde. Das ist natürlich nicht ganz einfach und wirft so einige Fragen auf. Nämlich diese, in wen man sich verliebt, wen man bei einer Heirat tatsächlich ehelicht. Die Frau, bzw. den Mann, oder den Menschen an sich? Die Eheschliessung hat ja mitunter den Sinn, dass man sich gegenseitig Unterstützung zusichert, in guten wie in schlechten Zeiten. Kann man eine Lebensphase, die gezeichnet ist von fehlendem Fröhlichsein und Depression als 'schlechte Zeit' bezeichnen und falls ja, wäre dann ein glücklicher Lebensabschnitt in einem abgewandelten Körper eine 'gute Zeit'? Oder wird die deprimiert erlebte Zeit zur Guten, angesichts einer drohenden Geschlechtsumwandlung?

Ich kann es gut nachvollziehen, dass Ihr Freund ob solch Fragen überfordert reagiert, sind diese doch bereits philosophischer Natur. Es wäre darum spannend, diese Frage einmal dem von mir höchst geschätzten Peter Schneider zu stellen, der im Tagesanzeiger Fragen zu Philosophie und Psychoanalyse beantwortet.

Vielleicht braucht Ihr Freund aber auch gar keine philosophische Abhandlung sondern einfach etwas pragmatischen Rat, wie er der verzwickten Situation begegnen soll. Grundsätzlich stellt sich zum Beispiel die Frage, ob für seinen Lebensplan Kinder von Relevanz sind. Wurde die Ehe geschlossen mit der Idee, dass aus ihr Kinder hervorgehen sollen und nun streikt der weibliche Teil, weil er künftig als Mann leben möchte? Ist eine OP zur Angleichung an das vermeintlich "richtige" Geschlecht tatsächlich nötig, oder kann eine andere, sanftere Lösung gefunden werden, bei der beide Partner ihr Glück finden können? Unser sexuelles Verhalten ist heute zwar geprägt von einer Dauerberieselung in Sachen Sex, aber vermutlich waren wir Menschen nie prüder, als in der ach so aufgeklärten und schamlosen Zeit, in der wir heute leben. Oder wie man im englischen Sprachgebrauch so schön sagt: "Oversexed but underfuckt".

Vielleicht liegt die Lösung darin, dass man seine Einstellung zum sexuellen Zusammensein von gängigen Schemen loslöst und ausprobiert, ob man sich auf einer Ebene findet, die für beide stimmt. Dafür müsste sich Ihr Freund von seinem Verständnis von "richtig" und "falsch" trennen können und eine grosse Experimentierfreude entwickeln. Das mag ein enormer Anspruch sein, aber vielleicht ist es ihm die zwischenmenschliche Beziehung wert, dieses Wagnis einzugehen.

Ich habe der Frau in meiner gestrigen Antwort zu Geduld und eben dieser Experimentierfreude geraten, weil Geschlechtsumwandlungen höchst selten im Glück enden. Falls Ihr Freund bereit ist, diesen Weg mit seiner Frau zu gehen, dann können unter Umständen beide daran gewinnen. Dafür werden beide ein grosses Mass an Geduld und Verständnis aufbringen müssen. Es kann gut sein, dass Ihr Freund dazu nicht bereit ist, und auch das wäre verständlich und zu respektieren. Unser gegenseitiges Lieben ist oft an Umstände gebunden, die durch einen solchen Eingriff schwerwiegend verändert würden.

Wie auch immer er sich entscheiden mag, es ist ihm zu wünschen, dass Sie ihm als Freundin erhalten bleiben. Er wird Menschen brauchen, mit denen er ehrlich und offen reden kann.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi.

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