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Liebe Frau Freitag (Heissen Sie eigentlich immer noch so, nachdem Sie die eine Frage mit dem lebendig-liebevollen "Ja! Unbedingt!" beantwortet haben?), es gibt nicht viele, die so wie Sie über eine von Herz und Geist zugleich erfüllte Sprache verfügen. Und darum vermisse ich Sie! Und darum will ich hier prüfen, wie wahr das Sprichwort "Wer einen Brief bekommen will, die oder der schreibe einen" tatsächlich ist: Meine Frage: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", heisst es ja. Was aber, wenn dieser Anfang alles andere als von Zauber erfüllt war? Kann aus oder zumindest nach einem missglückten Anfang doch etwas Gutes, etwas Schönes, etwas Besonderes entstehen? Ihr C. H., 46

Mein lieber C.H.

Ja, ich heisse immer noch Freitag. Weil sonst würde ja mein FFF-Konzept nicht mehr aufgehen und ich war doch so furchtbar stolz darauf! Mein Vorname Kafi war allerdings kurzweilig in Gefahr. Es schien, als müsste ich eine Namensänderung beantragen und mich stattdessen 'Prosecco' nennen, aber auch das hat sich zwischenzeitlich wieder etwas normalisiert.

Ich habe Sie als Stellvertreter meiner anderen lieben Leser und Leserinnen auch vermisst! Und darum unterbreche ich nun für Ihre Frage meinen posthochzeitlichen und posthonigmöndlichen Rausch und kehre kurz an meine Tastatur zurück.

Ihre Frage hat mich ja bereits vor ein paar Tagen erreicht und ich habe gemerkt, dass mich das Thema sehr ambivalent stimmt. Weil einerseits bin ich ja eine furchtbar kitschig-romantische Person und habe es wahnsinnig gern, wenn die Liebe so reibungslos und leidenschaftlich daherkommt, wie es uns so manche Hollywoodschnulze weismachen will. Aber andererseits hänge ich auch sehr an meinem gesunden Menschenverstand und der sagt mir nur zu oft, dass die Realität (leider und Gott sei Dank!) meistens etwas anders aussieht. Auch bei mir.

Wenn ich den Anspruch hätte, dass der Anfang einer Beziehung vor allem von Zauber erfüllt ist, dann wäre ich heute nicht verheiratet und könnte wohl auch sonst so manche Geschichte aus meinem Lebenslauf streichen. Ich gehe langsam aber sicher auf die 40 zu, und wie Sie bestimmt auch wissen, werden Menschen mit dem Alter nicht einfacher. Darum wird auch das unkomplizierte Verlieben eher seltener, wie älter man wird. Zuviele Marotten und Verletzungen hat man auf seinem Lebensweg ins Rucksäckli gepackt und wenn dann ein anderer Wanderer neben einem auf dem Ruhebänkli Platz nimmt, dann lässt man es sich nicht nehmen, diese alle feinsäuberlich auf der Picknickdecke des Lebens auszubreiten. Da ist es kein Wunder, wenn man selber, oder das Gegenüber vor lauter Exponaten gar keinen Platz mehr auf der Decke hat! Es ist darum sicher hilfreich, wenn man das Plaid und seine eigene Geduld an den Enden noch etwas ausrollen kann, weil oft will gut Ding Weile haben.

Ich würde allerdings anders antworten, wenn Sie statt 46, 26 wären. Wenn sich der Beginn einer Beziehung nämlich trotz jugendlicher Grosszügigkeit und geräumigem Rucksack schleppend und schwierig gestaltet, dann rate ich lieber zum "andere Mütter haben auch schöne Töchter/Söhne"-Ansatz.

Mit herzlichem Gruss und ebensolchem Dank für Ihre ach so charmant formulierte Frage! Ihre Kafi.

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