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Liebe Frau Freitag. Heute habe ich 2 Fragen ( die erste kann auch unter uns bleiben): wieviele Male darf man Sie was fragen? Ich finde zwar, Sie haben nicht immer recht, müssen Sie auch gar nicht, geben sich aber immer Mühe, unterhaltsam zu sein, was Sie unbedingt müssen und es eigentlich auch immer sind. So kriegen die privaten popligen Alltagssorgen durch Sie einen öffentlichen Auftritt, werden sozusagen zum Star des Tages, um dann zu verglühen und zu Asche zu werden. Deshalb meine zweite, bzw. vierte Frage: Wie verhält man sich seinen Kindern und auch anderen Menschen gegenüber erwachsen? Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mich kindisch benehme, so zum Beispiel letzte Woche im Migros, als mich meine Tochter vor versammelter Mittagsgemeinde ins Schienbein getreten hat, was bei mir im Affekt den Gegentritt ausgelöst hat. Das ist schon schlimm genug, obwohl ich ihr mit Sicherheit keine Schmerzen bereitet habe, denn zum Affekt gesellt sich auch immer ein Abbremsmechanismus. Natürlich hat meine Tochter die unrechte Situation sogleich erkannt und ihrerseits Zeter Mordio geschrien. Im Migros ist es ganz still geworden und alle Leute glotzten angeekelt die Mutter an, die das Kind geschlagen hat. Worauf ich in meiner Bedrängnis nichts besseres gewusst habe, als auf meine Tochter zu zeigen und mit weinerlicher Stimme zu sagen: "Sie het im Fall aagfange!" Danach bin ich leider nicht zu Asche geworden. Was wäre in solch einer Situation erwachsenes Verhalten gewesen? Virginia, 44

Liebe Virginia

Sie dürfen mich soviel fragen, wie Sie wollen. Im Moment bekomme ich recht viele Fragen zugeschickt und würde es noch nicht einmal merken, da mein Namensgedächnis einem Emmenthaler Käse gleicht. Beim Rest der Frage muss ich Ihnen allerdings vehement widersprechen.

Das Verhalten von Ihnen und Ihrer Tochter ist keinesfalls kindisch. Ganz im Gegenteil. Es beruht auf dem Sefer ha-Berit, dem Bundesbuch der Tora und ist unter dem uralten Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn" bekannt. Leider schreiben Sie nicht, wie sich die Mittagsgemeinde, die Ihnen beiden beim gegenseitigen Schienbeintreten zugeschaut hat, zusammen setzt. Der Begriff "Mittagsgemeinde" klingt stark nach einer Sekte. Nun kenne ich mich als gläubige Atheistin eher schlecht als recht mit religiösen Gruppierungen aus, aber ich werde bei Gelegenheit den Sektenexperten Hugo Stamm darauf ansprechen, ob oben erwähntes Vergeltungsprinzip auch von Freikirchen und Sekten angewendet wird. Allerdings war das Zitat ursprünglich komplett anders gedacht und wurde erst im Laufe der Zeit als Masstab für die Sühne ausgelegt. Dieses Vorgehen scheint jedoch eine Kernkompetenz der Marketingabteilungen sämtlicher Religionen zu sein, alte Schriften werden solange uminterpretiert, bis sie sich dafür eignen, das Volk im Griff zu haben.

Sie sollten sich darum keinen Vorwurf machen, dass auch Sie dieser falschen Auslegung aufgesessen sind. (Andere tun ihr Leben lang nichts anderes, als die Tora zu studieren und wissen es auch nicht besser.) Wenigstens wissen Sie für die Zukunft, dass Sie auf einen Schienbeintritt nicht unbedingt mit einem Schienbeintritt antworten müssen. Gerne dürfen Sie auch mit einer Schachtel Corn Flakes um sich werfen oder präventiv losschreien, bevor es Ihre Tochter tut. Diese neue Erkenntnis ermöglicht Ihnen künftig einen viel kreativeren Umgang mit Konflikten, wo Sie bis anhin in starren Regelungen gefangen waren.

Um die gaffende Menschenmenge um Sie herum beneide ich Sie allerdings schon ein wenig. Mein Kind hat nie eine anständige Szene zustande gebracht, die uns etwas Publikum beschert hätte und so leide ich noch heute unter dem ständigen Bedürfnis, in der Migros laut heraus zu schreien. Vielleicht können Sie Ihrer Tochter ja ein Bild von mir zeigen und Sie darauf trainieren, dass Sie beim nächsten mal meinen Unterschenkeln malträtiert. Während der Fussball-EM laufe ich jedoch immer mit Schienbein-Schonern und einem Deutschland-Trikot herum, es würde sich darum lohnen, den Sieg der Deutschen erst noch abzuwarten, bevor Sie Ihre Tochter auf mich hetzen. Sonst läuft die Kleine Gefahr, von mir eine rote Karte und ein Migros-Rayon-Verbot zu kassieren.

Was den Rest anbelangt, liegen Sie übrigens auch falsch. Weil erstens habe ich selbstverständlich immer Recht, und zweitens muss ich mich nicht bemühen, unterhaltsam zu sein. Das verrückte ist, dass ich überhaupt nichts muss und jemanden unterhalten schon gar nicht. Dieser Blog hat einzig und allein die Funktion, mich selber zu erfreuen und das gelingt ihm grad recht gut. Vielleicht sollte ich jetzt einfach mal in die Migros Wengihof gehen und das laut herausschreien.

Mit ganz liebem Gruss! Ihre Kafi.

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