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Liebe Frau Freitag, ich habe einen grossen Teil meines Lebens damit verbracht, zu VERHINDERN, etwas Falsches zu tun. Nun MACHE ich bei Ihrem Blog mit. Bin ich dabei, ein anderer zu werden? Medo Z., 37

Lieber Herr Z.

Das stelle ich mir furchtbar anstregend vor, wie ein nicht enden wollender Tanz auf rohen Eiern, Sie Armer. Insofern kann ich Ihnen zu diesem Schritt nur gratulieren und Ihnen verbal beherzt auf die Schultern klopfen, weil was Sie hier tun, entspricht nicht Ihrem gewohnten Muster und das ist doch schon ein Anfang. Immerhin.

Aber ehrlich, wenn ich mir vorstelle, ich hätte nach Ihrem Verhinderungskonzept gelebt, die letzten 37 Jahre (welch Zufall), dann wird mir ganz anders. Ich hätte im Kindergarten der Frau Rickli NICHT am hüftlangen Zopf gezogen und wäre dafür NICHT furchtbar ausgeschimpft, aber auch NICHT die Heldin der Woche geworden. Ich hätte mit 13 NICHT mit Xandi zusammen die Hühner seiner Vaters in den Tiefschlaf hypnotisiert und vor dem Stall in Reih und Glied drapiert und ich hätte darum auch NICHT den lustigsten Nachmittag meiner Kindheit verlebt und auch NICHT die aufregendste Flucht, als sein Vater vom Feld nach Hause kam. Ich hätte ein paar Jahre später meiner Lehrlingsfirma NICHT Greenpeace auf den Hals gehetzt, mich NICHT mit dem Leiter Umweltschutz und Technik angelegt und wäre darum auch NICHT gezwungen gewesen, ein paar Wochen vor der Lehrabschlussprüfung einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Ich wäre wohl NICHT aus meiner Heimatstadt weggezogen, hätte dem Marcel Ospel NICHT geschrieben, dass seine Schaltermitarbeiter eine Schulung benötigen und ich hätte mit grosser Sicherheit NICHT fünfhundert Franken Trinkgeld bekommen, indem ich zu einem Bankkunden vorlaut war. Wahrscheinlich hätte ich mich NICHT getraut, meinen Mann anzusprechen und ich hätte es sicher NICHT gewagt, mich später wieder scheiden zu lassen. Ich würde NICHT mein eigenes Leben wagen und hätte auch NICHT den besten Ex-Mann weit und breit. Und ich darf gar nicht daran denken, aber dann hätte ich ja auch mein grossartiges Kind NICHT und wäre demzufolge NICHT Mutter.

Ich könnte diese Antwort noch seitenlang so weiterlaufen lassen und je länger je mehr wird mir klar, was ich alles verpasst hätte, wenn ich nichts zu wagen bereit gewesen wäre. Und wie arm und wenig aufregend mein Leben dahindümpeln und wie ich vermutlich in der geborgenen Sicherheit langsam aber sicher ersticken würde.

Gehen Sie raus, stürzen Sie sich ins Leben! Begehen Sie Fehler! Haben Sie den Mut dazu und verzeihen Sie sich fortlaufend. Das Leben hält soviele Überraschungen für Sie bereit, wenn Sie sich ohne Angst aufs Glatteis wagen. Beginnen Sie mit kleinen Wagnissen und steigern Sie sich täglich. Sie müssen lernen, dass man Fehler und Enttäuschungen verkraften kann ohne daran zu sterben. Sie haben noch viel vor sich, und heute haben Sie den ersten Schritt gewagt und mir geschrieben. Ein Wagnis, was sich nicht jeder traut! Und vielleicht hätte ich Sie jetzt verbal zerreissen, auffressen und anschliessend verdauen sollen, damit es kein Zurück mehr gibt für sie, damit Sie sicher wissen: Sie SIND bereits ein anderer geworden!

Daumen drückend, Ihre Kafi.

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