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Liebe Frau Freitag. Ist es ok, seine eigenen Kinder anzuschreien? Und wie sieht es mit fremden Kindern aus? Natasha, 44

Liebe Natasha

Für mich ist die Aufzucht von Kindern ein achtzehn Jahre andauernder Ausnahmezustand. Es ist sehr lobenswert, wenn man ohne Ohrfeigen durch diese Zeit kommt, ich verurteile aber niemanden, dem das nicht immer gelingt. Eltern sind doch tatsächlich auch nur Menschen und reagieren nicht immer korrekt. Selbstverständlich darf aber Schlagen nicht Teil der Erziehung sein, ich rede hier eher von der Ohrfeige im Affekt, die ich selbst auch schon einmal eingefangen habe. Eltern, die ihre Kinder nie anschreien, sind mir sogar in höchstem Maße suspekt.

Ich persönlich bevorzuge Menschen, die Tacheles reden, und ich tu es auch selbst. Wenn das in gemäßigtem Ton geht, ist das schön und gut. Aber manchmal unterstreicht ein erhöhter Lautstärkepegel deutlich die Dringlichkeit der Aussage, und dann wäre es schade, auf dieses stilistische Mittel zu verzichten. Wenn jemand inhaltlich anständig bleibt und dafür laut wird, ist mir das tausendmal lieber, als wenn Demütigungen geflüstert werden. Mütter und Väter, die ausschließlich in Säuselstimme und -ton mit ihren süßen Kleinen reden, sind mir ehrlich gesagt ein Graus. Und wenn ich Sachen höre wie: »Nein Schätzeli, du solltest jetzt wirklich aufhören, mit der Metallschaufel den niedlichen Knirps zu hauen, ich glaube, er mag es nicht so gern«, möchte ich denen am liebsten ebenjene um den Kopf schlagen. Laut schreiend, versteht sich. Und manchmal tu ich das auch. (Seither ist in Zürich der Absatz von Metallschaufeln stark rückläufig, ein Modell aus Styropor wird demnächst auf den Markt kommen.) So wie ich auch gerne laut streite und mit gebundenen Büchern um mich werfe. Ich weiß, dass der Trend in Richtung sachlich und nüchtern geht. Für mich ist der Inhalt eines Streits aber selten sachlich, und nüchtern schon gar nie.

Darum lautet meine Antwort schlicht und ergreifend: Ja, es ist ok, seine eigenen Kinder anzuschreien. Und ja, ich finde es auch vollkommen in Ordnung, fremde Kinder anzuschreien. Meistens wäre es allerdings sinnvoller, die Eltern der fremden Kinder anzuschreien. Umso besser, wenn beides in einem geht. Mein Sohn und seine Freunde wissen, dass ich laut werde, wenn sie Scheiße bauen. Und ich glaube, dass sie es sogar schätzen. Kinder wollen, dass man ihnen Grenzen setzt, die sie spüren können. Sie betteln geradezu darum, und ich finde, es grenzt an Lieblosigkeit, wenn man nicht adäquat auf dieses Austesten reagiert. Wenn ein Kind immer weitergehen muss und keiner ihm dafür die Kappe wäscht, verliert es sich. Wenn die Reaktion auf solche Aktionen also ein Schreien statt ein Schlagen ist, ist das bestens. Ein Tadel, der wie ein Blockflötenkonzert daherkommt, ist dagegen ein Hohn. Nun ist es aber so, wie es bei Liebeserklärungen, bei Lob und beim Euro auch ist: Schreien wirkt im Übermaß inflationär und verliert an Kraft. Außerdem geht es schwer an die Stimmbänder, was allerdings sehr sexy klingen kann – bevor man die Stimme gänzlich verliert und selbst Säuseln nicht mehr gelingen will.

A L L E S  G U T E !

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