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Liebe Frau Freitag, letztens sass im rappelvollen Tram eine Dame mittleren Alters vor mir. Im regelmäßigen Abstand von 20 Sekunden schüttelte sie ihr langes, dichtes schwarzes Haar- mal durch Kopfbewegung, mal mit Hilfe ihrer Hände. Erst dachte ich ja- huch, dieses Jahr schneit es aber früh-,aber leider war dem nicht nicht so, sondern bei jedem Schütteln stoben unzählige Schuppen aus ihrem Haar. Zu meinem Leidwesen nicht nur auf ihre eigenen Schultern, sondern auch auf mich. Darf man Menschen ansprechen und sie auf ihr Schuppenproblen aufmerksam machen, ihnen gar ein geeignetes Pflegeprodukt empfehlen oder sollte man einfach seine Klappe halten und den Ort des Grauens verlassen? Herzlichste Grüsse. Clara, 41

Liebe Clara

Wie Sie vielleicht wissen, bin ich vollkommen unsportlich, weil faul. Meistens ist mir sogar das Lesen des Sportteils einer Zeitung zu anstrengend, darum bin ich froh, dass das Interview mit Niki Lauda im Fokus-Bund der SonntagsZeitung untergebracht war. Es wäre mir sonst glatt entgangen.

Sie werden sich nun vermutlich wundern, was meine Faulheit und Niki Lauda mit Ihrer Frage zu tun haben. Und das zu Recht. Aber es gibt sehr wohl einen Zusammenhang, wenn nicht sogar einen sehr engen. Niki Lauda beantwortet nämlich in diesem Gespräch die Frage, ob wir Schweizer schlechte Autofahrer sind, wie folgt:

"In der Schweiz zu fahren, ist das Ärgste. Jeder auf der Strasse will den andern massregeln. Fürchterlich. Schreiben Sie bitte: Ihr Schweizer müsst euch das unbedingt abgewöhnen! Fahrt doch relaxed, wir Österreicher und die Italiener sind da viel besser."

Als ich das gelesen habe, ist mir sofort wieder Ihre Frage eingefallen, die Sie mir letzte Woche geschickt hatten. Nicht nur, dass Niki hier voll ins Schwarze getroffen hat, er trifft den Punkt sogar noch mehr, als ihm bewusst sein dürfte.

Wir Schweizer sind ein Volk von hoch motivierten Massreglern.

Es gibt kaum etwas, dass wir besser beherrschen, als Anderen zu sagen, wie es besser zu machen wäre. Wir wollen der Welt zeigen, wie man hochprofitable Banken führt - und vergessen dabei, dass sich ohne das bröckelnde Privileg, der ganzen Welt Steuergelder abzuzweigen, keine Sau mehr für den Bankplatz Schweiz interessieren wird. Wir wollen Deutschland zeigen, wie man erfolgreich ein Land regiert - und vergessen dabei, dass wir weder einen Weltkrieg, noch eine Wiedervereinigung zu verkraften hatten. Wir wollen der ganzen Welt ein Bild von Neutralität und Humanität vorgaukeln - und vergessen dabei, dass die winzig kleine Schweiz weltweit den 8. Rang beim Export von Kriegswaffen belegt.

Jeder sagt jedem, was er nicht korrekt macht. Der Slogan "erlaubt ist, was nicht stört" wird dahingehend interpretiert, dass nichts erlaubt ist, weil alles stört. Wir profilieren uns als Hobbypolizisten für alle Lebensbereiche. Wir sagen der Mutter mit dem kreischenden Kind an der Migros-Kasse, wie sie es besser zu erziehen hätte und der dicken Frau im Minirock, wie sie sich gefälligst zu wanden hat. Grosszügigkeit ist eine Tugend, die an der eigenen Haustür endet, Nachsicht funktioniert höchstens in der Theorie.

Mag sein, dass ich heute etwas zu global eingestellt bin, aber ich bin wirklich der Meinung, dass eine Frau im Tram Schuppen haben darf, ohne dass man ihr sagt, wie sie ihr Haar besser zu pflegen hat.

Natürlich ist es unschön, wenn man dem Schneetreiben aus nächster Nähe zusehen muss. Aber das muss man in einem Tram eben genau nicht. Sie können aufstehen, und sich einen trockenen Platz suchen. Das wäre für mich eine ökologische Lösung für Ihr Anliegen.

Etwas anders sieht es aus, wenn man der Situation nicht aus dem Weg gehen kann. Wenn Sie gezwungen sind, mit einem Menschen eng zusammen zu arbeiten, der nach Schweiss stinkt, dann müssen Sie handeln. Da lohnt es sich, seinen Mut und ganz viel Charme zusammen zu klauben und das Problem anzusprechen. Am besten gelingt das, wenn man sich selber in das Thema hinein zieht, indem man sagt, dass man selber ein Problem mit dem Schwitzen hatte und die Lösung dann im Deo XY gefunden hat. In solch kniffligen Situationen darf gelogen werden, dass sich die Balken biegen. Es geht ausschliesslich darum, dass das Gegenüber sein Gesicht und seine Würde nicht verliert.

Wenn Sie es schaffen, in einer kurzen Tramfahrt diese anspruchsvollen Rahmenbedingungen aufzubauen, dann dürfen Sie es der Dame zu verklickern versuchen. (Lesen Sie dafür auch meine beiden Antworten der letzten Tage. Die Tatsache, dass die Frage, die darauf abzielte, ob man Freunde kritisieren darf, ein sehr grosses Echo provoziert hat, während die andere, die sich um das Entgegennehmen von Kritik drehte, gerade mal 9 Likes abholte, war für mich mehr als bemerkenswert.)  Ansonsten würde ich mich an Niki halten, mich wegsetzen und relaxen.

Mit entspanntem Gruss. Ihre Kafi.

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