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Liebe Frau Freitag, Nachdem ich regelmässig Ihren Blog lese und Ihre Antworten für sehr klug halte,traue ich mich jetzt auch endlich mit meiner Frage zu Ihnen zu kommen. Meine Situation ist schwer zusammenzufassen;ich versuche mich kurz zu fassen. Ich hab einen guten Freund,einer meiner besten,den ich mittlerweile seit 4 Jahren kenne. Seit unserm ersten Treffen vor 4 Jahren führen wir sozusagen eine Friends-With-Benefits-Beziehung,wobei er gleichzeitig einer meiner besten Freunde ist und ich mit ihm über alles reden kann.Es ist für uns beide völlig normal,dass wir spätestens alle 2 Monate wieder im Bett landen,und danach reden wir darüber und die Sache ist wieder "abgehackt" und wir sind erstmal nur wieder sehr gute Freunde..Jedenfalls hat mir der Sex,und all das nie wirklich viel bedeutet. Jetzt jedoch befinde ich mich in meinem Auslandsjahr und vermisse ihn sehr,und mir wird erst jetzt bewusst wie viel er und das was zwischen uns war,mir bedeutet hat. Allerdings hat er mittlerweile eine Freundin..und da ich weiß,dass er glücklich ist,will ich das nicht zerstören.(dazu muss aber auch erwähnt werden,dass er in der Zeit,in der es diese Freundin schon gibt,immer wieder zu mir "zurückgekommen" ist) Zu Hause bin ich ja nun auch nicht,aber trotzdem würd ich ihm am liebsten erzählen wie es mir geht,und dass ich ihn vermisse. Jedenfalls bin ich komplett durcheinander und könnte Ihren guten Rat gebrauchen. Liebste Grüße und vielen Dank im Voraus! Annika, 19

Liebe Annika

Was bin ich doch heilfroh darüber, so junge LeserInnen wie Sie zu haben, weil sonst hätte ich keinen blassen Schimmer, was eine Friends with Benefit-Beziehung ist. Also nicht, dass Sie nun denken, dass ich nicht wüsste, dass man Sex haben kann, ohne in einer Liebesbeziehung zueinander zu stehen, aber dass das ganze in ein solches Abstraktum gepackt wird, war mich gänzlich neu. Ausserdem bin ich mir ob dem Begriff an sich auch nicht ganz sicher. Schliesslich muss liebesbeziehungsfreier Sex ja nicht per Definition ein Gewinn sein, wenn man auch doppelt doof wäre, würde man ausserhalb einer Beziehung nach unbefriedigenden Sex suchen. Aber das war ja genau genommen nicht Ihr Thema.

Vielmehr möchten Sie von mir wissen, was Sie jetzt mit den Gefühlen anstellen sollen, die Ihnen ob der räumlichen Distanz zu diesem Freund, hochgekommen sind. Kaum ist er nicht mehr in Griffweite, wird er zum Objekt der Begierde und das ist auch nicht weiter verwunderlich. Schliesslich ist er abgesehen von diesem 'Benefit'-Bereich ja auch sonst eine wichtige Person für Sie, so scheint's mir. Darum ist es jetzt sicher auch nicht ganz einfach auseinanderzuhalten, ob Sie ihn als Freund oder als Mann vermissen.

Sie schreiben zwar deutlich, dass Sie sich nicht zwischen ihn und seine Freundin stellen möchten. Allerdings schreiben Sie nicht weniger deutlich, dass er ab und an wieder zu ihnen zurück kommt. Das Zurückkommen als Begriff könnte man nun tiefer deuten, weil es dafür ja ein früheres Zusammen benötigen würde, aber das wäre vermutlich Wortklauberei.

Lieber möchte ich Ihnen etwas anderes sagen. Ob es besser ist,  jetzt mit ihm zu reden, oder nicht, kann ich auch nicht genau beantworten. Vielleicht wartet er seit Monaten darauf, dass Sie sich zu ihm bekennen und er lässt alles (und jede) stehen und liegen und besucht Sie dort, wo auch immer Sie grad sind. Oder aber es überfordert ihn masslos. Wenn ich dazu ein Orakel befragen könnte, würde ich es auf der Stelle tun. Aber leider habe ich eine Abneigung gegen Seafood und darum schwimmt in meiner Badewanne auch keine Krake Paul, die mir ein Zeichen geben könnte.

Doch immerhin habe ich eine Vermutung, die sich schon so oft bewahrheitet hat. Vielleicht haben Sie schon vom weitverbreiteten Phänomen gehört, dass einem die Liebe immer kurz vor einer Reise, einem Auslandaufenthalt oder einem Wegzug an einen fernen Ort heimsucht. Kaum verlässt man das Reisebüro mit einem Onewayticket ans andere Ende der Welt in der Hand, stolpert man über die grosse Liebe. Ähnlich könnte es Ihnen ergehen, wenn Sie ihrem Freund jetzt die Liebe gestehen. Es würde mich nicht weiter wundern, wenn Sie einem tollen Mann über den Weg laufen würden, kaum ist der andere ins Flugzeug gestiegen.

Und darum rate ich Ihnen ersteinmal zur Geduld. Teetrinken und abwarten oder aber Gin-Tonic trinken und abtanzen heisst die Devise. Sie sind blutjung und in der Ferne und es wäre jammerschade, wenn Sie sich bis zum Ende Ihres Auslandaufenthaltes den Kopf darüber zerbrechen würden, was genau Ihre Gefühle zu bedeuten haben. Für die Klärung dieser Frage braucht es ein Gegenüber mit dem man richtig reden kann, da helfen einem Skype und Email vermutlich auch nicht weiter. Und wenn es denn wirklich Liebe ist, so rennt sie Ihnen auch nicht weg.

Geniessen Sie Ihre Zeit und die Unabhängigkeit, die Ihnen durch die Distanz zu Daheim geschenkt wird! Alles Liebe. Ihre Kafi.

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