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Liebe Frau Freitag, Vielen Dank für Ihren Blog. Ihre Antworten machen mir immer gute Laune. Ein wahres Geschenk! Meine Frage: Immer wenn ich im Zug länger als 1h unterwegs bin frage ich mich: Was um alles in der Welt stopfen die Leute in ihre metergrossen Koffer? Wie denken Sie über das Verhältnis der Menschen zu ihrer Ware? Liebe Grüsse Nadine, 40

Liebe Nadine
Tausig Dank, es freut mich natürlich sehr wenn ich Ihnen eine Freude machen kann. So schön!

Beim Lesen Ihrer Frage wurde es mir grad bitz unheimlich muss ich Ihnen sagen. Weil ich mir gerade gestern, als ich am Flughafen in Stockholm sass, das gleiche überlegt habe. Ich hatte einen längeren Aufenthalt und sehr viel Zeit, Menschen zu beobachten. Und da habe ich mir exakt die gleichen Fragen gestellt: Warum müssen wir Menschen immer Dinge auf uns tragen, oder in komischen Geräten hinter uns herziehen? Was davon ist wirklich nötig und warum schleppe ich selber zu 75% Klamotten mit, die ich dann gar nicht anziehe und die zu Hause ungetragen wieder in den Schrank wandern? Und es sind ja nicht nur Kleider, ich habe immer mindestens 2 Bücher dabei und lese dann doch keins davon. 

Als ich so dasass und auf meinen Flieger wartete, da musste ich unweigerlich auch an all die Menschen denken, die unfreiwillig unterwegs sind, weil sie vor Krieg, fehlender Zukunftsperspektive oder Hunger flüchten. Menschen, die keine Chance haben zu packen oder die auf ihre Flucht keinen grossen Rollkoffer mitnehmen können und alles zurücklassen müssen, was ihnen lieb und teuer ist. Während ich darüber nachdachte, scrollte ich zeitgleich durch die Facebook Timeline und blieb an einem Post mit vielen Kommentaren hängen. Eine Frau hatte sich sehr darüber geärgert, dass der Flug eines Familienmitglieds sich verspätet hatte und dadurch die gemeinsame Zeit beschnitten wurde. Viele Kommentare bestätigten den schlechten Service der besagten Airline, nur eine Person wollte kein Verständnis dafür aufbringen, dass man sich dermassen darüber aufregen kann. Dieser Post vermischte sich mit den Koffern, die wie schwere Hunde an Leinen von ihren Besitzern an mir vorbeigezogen wurden und ich selbst hatte nebst einem aufgegebenen Koffer noch ausuferndes Handgepäck bei mir, weil ich meine Kameraausrüstung, eine Drohne und eine halbe Tonne Akkus auf mir trug. Mir wurde etwas schwindlig ob der Tatsache, dass ich mit einer Hightechausrüstung im Wert eines Kleinwagens im luxuriösen Flieger unterwegs bin, während 70 Millionen Menschen zu Fuss auf der Flucht sind, ohne zu wissen, ob sie jemals irgendwo ankommen werden. 

Ich kann Ihre Gedanken also gut nachvollziehen, liebe Nadine. Was würde ich mitnehmen, wenn ich wüsste, dass ich nie mehr zurückkehren kann? Was würde ich in der Fremde vermissen und worüber würde ich vermutlich nie nachdenken? Es ist erschreckend, wenn ich realisiere, dass ich viel Geld in Dinge investiere, die ich eigentlich nicht brauche und demnach auch nicht missen würde. Mein Schrank hängt voller Kleider und dennoch habe ich immer das Gefühl, noch einen Pullover mehr zu brauchen. Meine technischen Geräte hüte ich allerdings wie meinen Augapfel. Sie ermöglichen mir den Kontakt mit Menschen oder das Aufzeichnen einer Erinnerung. Mein Auto bedeutet für mich viel mehr als 1.5 Tonnen Blech, es verkörpert für mich Unabhängigkeit und Freiheit. Der sentimentale Wert eines Gegenstands ist für jede Person individuell, aber die meisten Menschen in den Industrienationen besitzen mehr, als sie eigentlich brauchen, und horten Dinge, an denen sie nicht wirklich hängen. Es scheint also ein Sammeltrieb dahinter zu stecken. Der Versuch, sich mit Besitztümern abzusichern. Aber wogegen genau? 

Wir konsumieren und horten nicht aus Angst vor Hunger. Wir wollen uns damit ein Gefühl von Geborgenheit erkaufen und das Gefühl, geliebt zu werden. Wenn wir konsumieren, dann bringen wir in unserem Hirn das Belohnungszentrum zum Glühen und das gaukelt uns das Gefühl von Geliebtwerden vor. Menschen, die den eigenen Frust mit Einkaufen kompensieren wollen, haben selten lange Freude an ihren Schätzen, es ist viel mehr der Akt des Kaufens, der ihnen ein gutes Gefühl beschert. Dass dieses Hochgefühl nicht lange anhält, ist offensichtlich, schliesslich wird der Kauf eines teuren Mantels heute nicht mehr so zelebriert wie vor 70 Jahren, als das gute Stück noch 15 Jahre halten musste. Der moderne Konsum ist auf Kurzfristigkeit ausgelegt und die Waren und die Glücksgefühle wenig nachhaltig. Darum müssen wir immer mehr kaufen, um den Level der Glückshormone oben zu halten. 

Und am Ende des Tages dennoch merken, dass uns kein Gegenstand das Gefühl von Liebe und Akzeptiertsein ersetzen kann. Wahre Selbstzufriedenheit ist nicht käuflich und braucht keinen Rollkoffer, wenn man eine Reise macht. 

Danke, dass Sie mich danach gefragt haben und mir damit die Chance gaben, meine Gedanken von gestern hier zu vertonen. 

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi

 

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