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Liebe K, darf man wirklich guten Freunden wirklich alles sagen? Pius, 42

Lieber P    ius

Sie haben einmal mehr bewiesen, dass die ach so kurzen Fragen meistens viel vertrackter sind, als die ellenlangen "dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt, dann habe ich gesagt, dann hat er gesagt und was denken Sie Frau Freitag, ist es nun aus zwischen uns oder besteht noch Hoffnung und hätte ich vielleicht dieses oder jenes doch nicht sagen sollen, oder kann es vielleicht unter Umständen sein, dass er es gar nicht so gemeint hat, sondern doch eher anders oder meinen Sie, dass er bereits eine andere fickt"-Fragen.

Ich mache es ja meistens umgekehrt. Ich sage jemandem in meinem Freundeskreis wirklich alles und schaue danach, ob ich die Person weiterhin zu meinen wirklichen Freunden zählen kann. Kann sein, dass dies der Grund ist, warum ich diese an einer Hand abzählen kann.

Nein, ernsthaft. Das ist eine extrem schwierige Frage. Und dann ist sie ja auch noch doppeldeutig, Sie Schlitzohr! Sie kann entweder bedeuten, ob man einem Freund alles über ihn sagen kann, oder aber alles über sich selber. Sage ich ihm, dass sein Kind schlechte Umgangsformen hat, oder erzähle ich ihm dass ich mich mit HIV angesteckt habe?

Die zweite Deutungsversion der Frage würde ich klar mit 'ja' beantworten. Wenn ich jemandem wirklich zutiefst vertraue, dann vertraue ich diesem Menschen auch meine Leichen im Keller an.

Bei der ersten Interpretation ist es bedeutend diffiziler. Mein Herz sagt "ja", mein Verstand sagt "ja, aber". Gewisse Leute in meinem Bekanntenkreis beantworten die Frage mit nein, warum sie niemals in meinen Freundeskreis vordringen werden.

Vorausgesetzt, die Freundschaft ist auf echte Gefühle gebaut und wird nicht von Neid oder Missgunst verfärbt, ist eine aufrichtig gemeinte Aussage ein Liebesbeweis. Natürlich birgt diese Gabe, wie alles in der Liebe, ein ernstzunehmendes Risiko. Je näher uns ein Mensch steht, umso verletzlicher sind wir. Gerade dann, wenn man mit Kritik konfrontiert wird. Dies ist der Grund, warum die meisten Menschen darauf verzichten, zueinander ehrlich zu sein. Sogar in tiefen Freundschaften wird die unangenehme Wahrheit lieber umgangen, als dass man sich der Gefahr aussetzt, den andern zu kränken. Lieber geht man mit der Kritik, die einem auf der Zunge liegt zu einer aussenstehenden Person und lästert hinterrücks.

Natürlich ist das viel einfacher und selbstverständlich habe ich das auch schon des öftern getan. Aber unter dem Strich ist es einfach nur furchtbar feige.

Ich weiss, dass es viel Zeit und gegenseitiges Vertrauen kostet, um eine Freundschaft zu pflegen, in der man sich genau so einfach unangenehmes sagen kann, wie man es mit angenehmen tut. Glücklicherweise habe ich so eine Verbindung zu meiner Freundin. Wir loben einander gegenseitig, wenn es Grund dazu gibt. Aber ebenso reden wir auch Tacheles miteinander, wenn es angebracht ist. Wenn sie mir den Kopf wäscht, dann weiss ich zu 100%, dass Sie es tut, weil sie mich so gern hat. Und darum kann ich es auch nehmen ohne wochenlang beleidigt zu sein. Meistens hat sie Recht. Weil sie mich so verdammt gut kennt.

Sie darf es mir sagen, wenn ich mich wie ein Arschloch benehme. Und sie darf auch Kritik an meiner Kindererziehung üben, obwohl man dafür ja gewöhnlicherweise standrechtlich erschossen wird. Sie darf all meine goldenen Kälber schlachten und ich bin ihr dafür auch noch dankbar. Weil sie es aus Liebe tut. Und weil es mich weiter bringt. All die Menschen, die einem nach dem Mund reden, sind im Moment vielleicht angenehme Ruhekissen. Wirkliche Weiterentwicklung seines Selbst erfährt man aber nur dort, wo einem auch mal der Spiegel vorgehalten wird.

Wenn Sie, lieber Pius, so oder ähnlich für ihre wirklich guten Freunde empfinden und selber auch offen für ehrliche Kritik sind, dann dürfen Sie es wagen.

 

Mit herzlichem Gruss. Ihre K   afi.

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