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Liebe Kafi. Was hältst du davon, dass unsere Männer aufwachsen mit dem Glauben, es sei normal für Geld mit einer Frau schlafen zu können und dass sich die Stadt Zürich auch noch als Puffmutter gibt? Das Klischee der jungen hübschen Studentin, die sich mit mit Prostitution das Studium finanziert und Spass an ihrem "Job" hat, halt ich für ein Märchen der Männer, um das ganze legitim zu machen. Welche Frau lässt sich schon "freiwillig" von x-hundert beliebigen Männern vögeln, die sie sich nicht selbst aussucht und hat auch noch Spass daran? In Schweden scheint das Konzept des Verbotes für das Freiertum gut zu funktionieren. Sollte das nicht überall gelten? Laura, 27

Liebe Laura

Ich habe mich ja schon mehrfach zum Nuttenthema geäussert und bin dennoch überfordert, was das Thema betrifft. Auch ich verfolge den Verrichtungsboxen Journalismus und habe darob erkannt, dass alle von der Thematik überfordert sind. Die Politiker, welche die Gesetze formulieren müssen. Die Polizisten, welche diese dann anwenden müssen. Die Steuerzahler, welche das Projekt schlussendlich finanziell mittragen müssen. Die Anwohner, die mit der neuen Nachbarschaft leben müssen. Die Nutten, die sich jetzt in eine Box stellen müssen und nicht zuletzt die Freier, die ohne Auto keine Chance zum Vögeln haben. Selbst die Journalisten, die das ganze empfängerfreundlich aufbereiten müssen, sind - wie der letzte Link deutlich zeigt - haltlos überfordert.

Und so auch ich.

Das Thema ist viel zu komplex, als dass es eine einfache Antwort darauf gäbe. Natürlich kenne ich den von Ihnen zwar nicht explizit zitierten, aber vermutlich doch Ihrer Meinung zugrunde liegenden Tagi Magi Artikel zum Thema Prostitution in Schweden. Ich habe ihn damals auch gelesen und mir auch gedacht, "wieso können wir den ganzen Scheiss nicht auch einfach verbieten?!?" Aber ich denke ehrlich nicht, dass ein Verbot eine wirksame Lösung für ein so verbreitetes Problem ist.

Die Welt ist ungerecht, liebe Laura. In vielerlei Hinsicht. Aber speziell auch in der sexuellen. Frauen und Männer haben evolutionsbedingt verschiedene Aufgaben zugeteilt bekommen. Männer sollen sich möglichst breit gestreut vermehren. Frauen sollen die Brut hüten und pflegen. So weit so gut.

Natürlich ist das sehr simpel ausgedrückt und natürlich kümmern sich heute auch die Männer um die Brut. Aber der Hauptauftrag ist - trotz aller zivilisierter Entwicklung - immer noch der selbe geblieben.

Eine Frau trägt schlussendlich immer noch das Risiko der Schwangerschaft und Geburt und ist darum verständlicherweise anders gesteuert, als der Mann. Sie wird es sich darum reiflich überlegen, ob sie mit irgendeinem Dahergelaufenen in die Kiste springt, während ein Mann - wenn es keine negativen Konsequenzen für sein Leben hätte - am liebsten keine Kiste auslassen würde. Das ist die Natur, da können Sie mir erzählen, was sie wollen. So kommt es auch, dass keine Frau für einen Mann bezahlen muss. Und sei sie auch noch so grottenhässlich. Eine Frau kann sich allein in eine Bar setzen und sie wird zu 100% nicht alleine nach Hause gehen müssen. Das ist bei Männern komplett anders. Die Chance auf einen zwanglosen One-Night-Stand ist für einen Mann vermutlich dünner gesät, als dass er sechs Richtige beim Lotto hat. Ich weiss ja nicht, wie Sie das finden. Aber ich find’s grundsätzlich einmal unfair. Wenn ein Mann unverbindlichen Sex haben will, muss er also dafür zahlen.

Das war schon immer so. Und das wird auch immer so sein. Darum gab es auch schon immer Prostitution. Und darum wird es sie auch immer geben. Auch in Schweden, wo es offiziell verboten ist und nicht existent sein soll.

Ich habe jetzt gerade ein paar Tage in Amsterdam verbracht und mir dort auch die liberal organisierte Fenster-Prostitution angesehen. Wenn man Abends im Rotlichtviertel die Grachten entlang spaziert, begegnen einem viele Männergruppen, aber auch Paare die ihren Amsterdamtrip mit dieser Attraktionen etwas aufpeppen. Daneben sind mir einige Familien mit Kindern aufgefallen, die vom Kinderwagenalter bis zur Vorpubertät reichten. Man schreitet den rot beleuchteten Fenstern entlang, als wäre es das Affengehege des Zürcher Zoo's. Mich hat das sehr irritiert. Und zwar die zur Schau gestellten Frauen, wie auch die Gaffer, die der ganzen Show das Publikum stellten. Einige der Frauen waren offensichtlich vollkommen zugedröhnt und haben von der ganzen Skurrilität überhaupt nichts mitbekommen, wie mir schien. Aber in einem der Fenster stand ein vollkommen gewöhnliches Mädchen, vermutlich noch keine zwanzig Jahre alt, dass mitteleuropäisch und ziemlich verstört anmutete. Wir sahen uns beim Vorübergehen in die Augen und ich bildete mir ein, dass ich in ihrem Blick Zweifel ob dem vermutlich neuen Job erkennen konnte. Das Mädchen liess mir keine Ruhe und darum ging ich etwas später noch einmal bei ihrem Fenster dabei. Aber da war der Vorhang zugezogen und sie ganz offensichtlich "bei der Arbeit". Ich hätte sie gerne danach gefragt, welches Schicksal sie in dieses Fenster gebracht hat. So werde ich es niemals erfahren.

Es wird immer Frauen geben, die aus uns unbekannten Gründen diesen Weg wählen. Und es wird nicht immer ein Menschenschlepper dahinter stehen, der keinen anderen Ausweg offen lässt.

Ich bin zu realistisch veranlagt, als dass ich mir einreden könnte, dass sich die Prostitution verbieten lässt. Drogen sind zum Teil auch verboten und werden dennoch konsumiert. Der Trieb des Menschen ist stärker, als jedes Gesetz. Darum bin ich für einen legalen und sicheren Rahmen, der dieser Arbeit soviel Würde lässt, wie es nur möglich ist. Für beide Seiten. Ob dies mit der Verrichtungsbox ermöglicht wird? Ich denke nein.

Aber auch ich habe keine menschliche Lösung auf Lager. Genau so wenig wie all die andern.

 

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi.

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