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Liebe Kafi. Auch dieses Jahr ist mir zwischen dem 23. und dem 27.12. keine Reise in tropische Gefilde vergönnt! Ich könnte an allen Preisausschreiben dieser Welt Talons ausfüllen, als Mutter von 3 Kindern mit ab Mitte November zunehmend glänzenden Äuglein sieht es das Schicksal für mich nicht vor, mich dem Weihnachtswürg zu entziehen. Kafi, wie schaffe ich es, wenigstens die grosse Familienweihnacht meiner Schwiegerfamilie zu umschiffen ohne dabei meinen Göttergatten, dem diese wichtig ist, zu sehr zu betrüben? Jahr für Jahr gelobe ich Besserung, aber im letzten Moment werde ich dann schwach, fahre mit und ärgere mich hinterher darüber, dass ich nicht bereits am Nachmittag eine Flasche Rotwein aufgemacht und mich auf den so unglaublich langweiligen und sinnfreien Abend eingestimmt habe. Mit viel Hoffnung auf eine kafimässig gute Idee & liebem Gruss. Anna, 38

Liebe Anna

Weihnachten gehört eigentlich abgeschafft, da gehe ich mit Ihnen ganz einig. An Weihnachten sind alle Menschen über dem gesetzlichen Gschänklialter von 18 Jahren unglücklich und depressiv und spielen mit dem Gedanken, den ganzen Kühlschrank zu leeren und mit Einkaufstaschen voller abgelaufener Lebensmittel in die nächste Heilsarmee zu steuern, um dort die verfluchte heilige Nacht mit armen Teufeln zu begehen, die vermutlich noch unglücklicher und depressiver sind, als man selber, allerdings nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern das ganze Jahr über, was sich dann an Weihnachten als positiv erweist, weil man das Level an Unglück und Depression irgendwann einfach nicht mehr toppen kann, beim besten Willen nicht. Aber man geht dann natürlich doch nicht und leert den Kühlschrank, weil man sich nicht dafür hat, mit Einkaufstaschen voller abgelaufener Lebensmittel in die nächste Heilsarmee zu steuern, um dort den erstbesten armen Teufel zu vergiften, obwohl dieser vielleicht nichts anderes gewohnt ist als abgelaufene Lebensmittel und sich den Magen ausschliesslich mit frischen verderben könnte, aber soweit zu denken verbietet man sich an Weihnachten, schliesslich ist es das Fest der Liebe und da fragt man sich, wie es überhaupt soweit kommen konnte, dass man schon nur mit dem Gedanken spielt, den Kühlschrank zu leeren, um mit Einkaufstaschen voller abgelaufener Lebensmittel in die nächste Heilsarmee zu steuern und ob man eigentlich genug geliebt wird, oder ob dieses Gedankenspiel bereits der Beweis der Lieblosigkeit der heutigen Zeit ist und warum man eigentlich keine Familie hat, mit der man jetzt einfach ganz unkompliziert was Nettes essen kann und über was Nettes plaudern und im Hintergrund fragt der Lars Reichow singend, ob er damit in den Himmel kommt und man selber zweifelt kein bisschen daran, weil man ja grundsätzlich ein Mensch ist, der an Weihnachten im Kreise seiner Liebsten was Nettes essen, und mit ihnen über was Nettes plaudern könnte und weil das alleine schon ein Zeichen dafür ist, dass man einen Anspruch darauf hätte, in den Himmel zu kommen, wenn man es dann nur wollte, aber über diese konkreten Details macht man sich an Weihnachten keine Gedanken weil es ja schliesslich das Fest der Liebe ist und man da lieber nicht darüber nachdenken möchte, ob die Hölle dem Himmel vielleicht vorzuziehen wäre, und sei es schon nur aus klimatischen Standpunkten, die sich allerdings durch die unaufhaltsame globale Klimaerwärmung in eine Richtung verändern könnten, die selbst das Vorstellungsvermögen von Klimaforschern übersteigen würden, und es hat sich ja in letzter Zeit recht deutlich gezeigt, dass die sogenannten Klimaforscher eh nichts anderes können, als unbescholtenen Bürgern weiszumachen, dass sie besser mit dem Zug ins nächstgelegene Naherholungsgebiet in Urlaub fahren, anstatt mit dem Billigjet für fünf Tage und vier Nächte nach Phuket zu fliegen, während sie selber von Klimakonferenz zu Klimakonferenz jetten, anstatt sich per Videokonferenz zu langweilen und als könnte man damit an der Klimaerwärmung noch irgendetwas verändern, dabei hat sich deutlich gezeigt, dass sich das Klima um mehr als 4 Grad verändern wird, egal was man tut oder was man lässt, und dass das Ziel von einer Höchsterwärmung von 2 Grad für nichts mehr als eine lustige Büttenrede dient, die dann irgendein betrunkener Lobbyist in Mainz zum Besten gibt, und da fragt man sich dann schon früher oder später, ob es nicht besser wäre, man würde sich über die Feiertage konsequent volllaufen lassen, um dem ganzen Theater zu entgehen oder zumindest die Konfrontation mit den Schwiegereltern ohne Langzeitschäden zu überstehen, und vielleicht wäre es doch besser gewesen, man hätte von Anfang an gar nicht geheiratet, sondern die Beziehung so locker flockig weitergeführt, wie sie angefangen und vielleicht auch wieder geendet hätte und dann müsste man sich heute auch nicht soviel Gedanken machen, ob es pädagogisch bedenklich ist, wenn man seinem Kind die gewünschten Kriegsspielsachen kauft, obwohl der kriegsgeschädigte Grossvater immer zusammenzuckt, wenn das Kriegsspielzeug dann Kriegsgeräusche macht und man Angst haben muss, dass er unter dem Weihnachtsbaum den Geist aufgibt und damit alle kommenden Weihnachten zu einem noch grösseren Trauertag macht, dem man dann mit Alkohol schon fast nicht mehr beikommen kann und darum zu stärkeren Drogen greifen muss, die an Weihnachten aber schwer zu besorgen sind, weil selbst der allerletzte dealende Junkie dann in den warmen Schoss seiner Eltern kriecht, die ihn den Rest des Jahres nicht Zuhause sehen wollen, weil sie sich Gedanken darüber machen, was die Nachbarn dann sagen könnten, wenn sie wüssten, dass der Sohn, von dem man das ganze Jahr über erzählt, er sei nie da weil er ein furchtbar erfolgreicher Broker in London ist, plötzlich vergammelt und ausgezehrt vor der Türe steht und damit den Bankenplatz London in Verruf bringt, um den es ohnehin schon nicht zum Besten steht...

Trinken Sie Wein, Anna. Viel Wein. Ihre Kafi.

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