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Liebe Kafi. Die 11-jährige Tochter von meinem Partner benimmt sich als wäre sie seine Ehefrau. Bis vor kurzem hat sie auch noch in Papis Bett geschlafen und beim Kuscheln vor dem TV zieht sie die Hosen aus und umschlingt ihn mit ihren Beinen. Sie sitzt auf seinem Schoss, krault und streichelt ihn und er spricht in Babysprache mit ihr (Wörter mit -li am Ende). Bin ich da, ist er hin und her gerissen. Zu Weihnachten schenkte er uns das gleiche. Mich kotzt das alles an, was sagst du? Yvonne, 36

Liebe Yvonne

Was ich dazu sage? Nichts, was Ihnen gefallen könnte, meine Liebe. Sie können mir hier schreiben, was Sie wollen, Sie werden nicht das zu hören bekommen, was Sie sich erhoffen. Wenn man als Frau oder Mann in ein bestehendes System dazu kommt, dann muss man Abstriche machen. Mann muss akzeptieren, dass man nicht der alleinige Superstar in der Beziehung ist und Kompromisse eingehen. Wenn Sie hier Andeutungen machen, die in die Richtung "sexuelle Beziehung zwischen Vater und Kind" gehen, dann kotzt mich das auch an, so wie es Sie ankotzt, dass sie manchmal nicht die einzige Person im Bett ihres Liebsten sind.

Ein Kind, das seinen Vater (oder die Mutter) nur ab und an sieht ist auf noch mehr Nähe und Zuneigung angewiesen, als dass es das ein Kind in einem hundsgewöhnlichen Setup eh schon ist. Es ist also nur normal, dass die beiden Kuscheln und zärtlich miteinander sind. Ob dies nackt oder angezogen geschieht, interessiert mich dabei ehrlich nicht. Dieser Trend, dass eine gesunde nackte Körperlichkeit etwas Anrüchiges unterstellt wird, wie es in den USA schon lange der Fall ist, ist für mich mehr als bedenklich. Aber darum geht es hier auch gar nicht. Ich nehme an, dass der Mann kein Kinderschänder ist, sondern das etwas ganz anderes im Fokus steht.

Nämlich Ihre Eifersucht. Diese schreit nämlich zum Himmel, liebe Yvonne. Es ist gut möglich, dass der Vater seine Tochter mit Liebe überhäuft und vielleicht sogar noch etwas zu kompensieren versucht, damit diese in der Konfrontation mit Ihnen nicht eifersüchtig wird. Sie können nun laut aufschreien und darüber kotzen, dass Ihre Eifersucht anscheinend weniger wichtig ist, als die des Kindes. Und ja scheisse, das ist sie nun mal leider auch. Wir Eltern sind nicht immer souverän darin, die vorhandenen Konstellationen in einem idealen Gleichgewicht zu halten. Aber wenn Sie schon einmal in einer ähnlichen Situation waren (und nein, das waren Sie wohl noch nie), dann wüssten Sie, wie anspruchsvoll das ist. Man will allen gerecht werden, niemandem das Gefühl geben, übergangen zu sein und man wünscht sich nichts mehr, als dass alle Beteiligten sich gegenseitig akzeptieren. Wenn der Mann die Tochter, die bis anhin in der raren gemeinsamen Zeit auf seinem Schoss sitzen durfte vom Knie stösst, dann wird sich deren Missgefallen darüber nicht nur gegen den Vater richten, sondern in erster Linie gegen Sie.

Es braucht Zeit und Nachsicht, seinen Platz in einem vorhandenen System zu finden. Ich kenne Frauen, die auch noch nach vielen Jahren vor Eifersucht auf die in die Beziehung mitgebrachten Kinder auf die Bäume gehen. Meines Erachtens ist das ein Zeichen eines sehr schmalen Selbstvertrauens. Wenn man sich als erwachsener Mensch in eine Beziehung mit einem Partner mit Kind begibt, dann sollte man sich gut hinterfragen, ob man die nötige Selbstliebe mitbringt, dass man nicht in einem Revierpissen endet, das würdelos für alle Beteiligten ist.

Es mag sein, dass die Lage die Sie beschreiben eine übertriebene ist. Ich will mit meiner Antwort nicht darüber urteilen, ob die Beziehung zwischen den beiden ideal ist. Viele getrennt lebenden Eltern haben das Bedürfnis, so viel Zuneigung wie möglich in die knappe Zeit zu packen. Da kann es schnell einmal zu Kompensationshandlungen kommen, die man reflektieren sollte. Aber Sie werden in einer solchen Konstellation immer wieder mit solchen Situationen konfrontiert werden und wenn Sie das nicht aushalten, dann sollten Sie sie beenden. Es ist sehr anspruchsvoll, wenn man als neuer Partner in eine Patchwok Familie kommt. Wenn man da nicht ein gewisses Mass an Goodwill und Nachsicht mitbringt, lässt man besser die Finger davon. Es ist das eine, dass Sie sich daran stören, dass die Tochter im Bett des Vaters schlafen kann. Wenn Sie sich aber über Verkleinerungen in der Sprache ereifern, dann zeigt es mir deutlich, dass Sie schäumen vor Neid. Und mit diesem Schaum vor dem Mund sollten Sie sich besser mal vor Ihren eigenen Spiegel stellen und sich fragen, ob Sie bei einem gemeinsamen Kind auch so ein Theater machen würden oder ob sie den verschmusten Papi dann superhärzig und allerliebst fänden. 

Mir ist klar, dass Sie mit einem Aufschrei des Entsetzens gerechnet haben und nun sauer sind. Aber ich bleibe in einem funktionierenden Patchwork-Gebilde und weiss nur zu gut, wovon ich rede. Wenn Sie das alleinige Prinzessli eines Mannes sein wollen, dann suchen Sie sich gefälligst einen ohne Kind.

Herzlich, Ihre Kafi.

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