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Liebe Kafi. Hast du eine Rechtsschutzversicherung? Wenn ja: Wofür? Ich mache ständig einen grossen Bogen drum rum; aber meine Mutter schafft es immer wieder von neuem, mich zu verunsichern;) Markus, 47

Lieber Markus

Nein, ich habe keine Rechtsschutzversicherung. Hatte ich noch nie. Und zwar mit vollem Bewusstsein. Denn auch ich mache einen möglichst grossen Bogen drum und bin damit bis zum heutigen Tage sehr gut gefahren.

Es ist nämlich so, dass mir Menschen mit Rechtsschutzversicherung irgendwie unsympathisch sind. Und weil ich ein so durch und durch sympathischer Mensch bin, brauche ich diesen Schutz nicht.

Nein ernsthaft, ich finde dieses Rechtsschutzversicherungsthema wirklich enorm spannend. Und ich sage Ihnen auch gerne, warum: Angenommen, ich hätte so eine Versicherung und würde dafür monatlich Summe X bezahlen. Dann wäre ich jeden Monat damit beschäftigt, mich gegen etwas zu schützen, das noch gar nicht da ist. Wenn nun tatsächlich eine Situation käme, die sich rechtlich klären liesse, so würde ich mich selbstverständlich schampar darüber freuen, weil ich ja endlich Nutzniesserin der teuren Versicherung würde, nicht?

Ich frage mich tatsächlich, welchen Einfluss so eine Versicherung auf meine Energie hat. Denn bis anhin musste ich alle Streitigkeiten in meinem Leben aussergerichtlich und ohne Anwälte lösen und das hat mich zu Kompromissen gezwungen, die ich auch im Nachhinein gut finde. (Wer meinen Blog seit Längerem liest, weiss, dass ich mich sogar ohne Anwälte habe scheiden lassen, und auch das finde ich nach wie vor eine der richtigsten Entscheidungen meines Lebens.) Es wäre spannend zu testen, wie sich das eigene Verhalten diesbezüglich ändert, wenn man so unkomplizierten Zugang zu einem System hat, das eher auf Konfrontation denn auf Schlichtung aus ist. Allerdings kenne ich einen Menschen, der so eine Versicherung hat und diese auch regelmässig nutzt. Parkschaden? Rechtsschutzversicherung! Streit mit dem Vorgesetzten? Rechtsschutzversicherung! Verkehrsbusse? Rechtsschutzversicherung! Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen ergeht, lieber Markus. Aber das kann es doch nun wirklich nicht sein, gopf!

Die Tatsache, dass Sie diese Frage erst mit 47 Jahren stellen, lässt erahnen, dass Sie die erste Hälfte Ihres Lebens ohne grosse Einmischung von solchen Institutionen hinter sich gebracht haben. Und ich bin der Meinung, dass es sinnvoll ist, davon auch weiterhin auszugehen. Sie mögen mich nun esoterisch nennen, aber ich habe wirklich ein ungutes Gefühl, wenn man Geld (und das ist schlussendlich auch Energie, denn dafür haben Sie gearbeitet) in etwas investiert, das möglichst nicht eintreffen soll. Also der gekaufte Schutz funktioniert in meinen Augen nicht, weil man damit schon signalisiert, dass man davon ausgeht, dass man ihn benötigt. Ich finde es stattdessen viel gesünder, dass es einem finanziell so richtig wehtut, einen Anwalt zu nehmen. Das bewahrt einem vor viel Stress und unüberlegtem Handeln.

Für mich hat die ganze Sache eine Analogie mit den vielen Schusswaffen in amerikanischen Haushalten. Sie sollen ebenfalls vor etwas schützen, was eventuell nie passierte, wenn man sie nicht besitzen würde. Mag sein, dass man ohne Schiesseisen mal einem Einbrecher ausgesetzt ist. Aber vielleicht wäre der Schaden auch dann kleiner, als wenn man präventiv auf alles ballert, was sich im Vorgarten bewegt.

Mit gutem Grusse. Ihre Kafi.

 

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