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Liebe Kafi. Ich bin seit kurzem mit meinem Freund zusammengezogen. Nun stellt sich die Frage: Soll jeder gleich viel Miete zahlen, obwohl mein Freund mehr verdient und immer mehr verdienen wird (gläserne Decke - aber das ist ein anderes Thema)? Wenn ich dann aber schon weniger Miete zahle, soll ich mehr im Haushalt machen (mache ich sowieso schon)? Was noch wichtig zu erwähnen wäre: Wir haben eine Putzfrau, die alle zwei Wochen den Grossputz macht. Der grosse Haushalt fällt somit nicht mehr an - ausser Kochen, Waschen, Altglas entsorgen, etc. Ich stelle mir die Frage: Sollte jeder „das Gleiche“ oder „das Selbe“ im Haushalt erledigen? Dies geht völlig vergessen in der ewigen Männer-und-Frauen-sollen-gleichviel-im-Haushalt-tun-Diskussion. Sollen wir es einfach so einteilen, dass mein Freund andere Dinge macht? Einfach die, die ihm am besten liegen? Eine Beziehung sollte ja nicht auf einer peniblen Buchhaltung basieren… Wie sehen Sie das? Riccarda, 26

Liebe Riccarda

Gute Frage. Verzwickte Frage. Diffiziles Thema, diese Geldangelegenheiten. Und ich weiss auch keine optimale Lösung dazu. Weil es optimale Lösungen nur in der Theorie gibt. Dort, wo Frauen und Männer für dieselbe Arbeit gleich viel verdienen und zu Hause gleich viel erledigen. Aber eben alles nur Theorie, leider.

Ich kenne verschiedenste Modelle und welches das Richtige ist, das weiss man meist erst hinterher. Da gibt es eine Kollegin, die schon über 120 Jahre mit ihrem Mann zusammen ist und ein gemeinsames Kind mit ihm hat. Die beiden sind gut verdienende Akademiker und bewohnen eine Briefmarkengrosse Wohnung. Wenn sie zusammen ausgehen, dann wird zwar gemeinsam bezahlt, aber zuhause wird abgerechnet. Jede Quittung wird penibel aufbewahrt und nach einem ausgeklügelten Schlüssel verbucht. Es gibt eine EC-Karte für gemeinsame Lebensmittel. Den Friseur bezahlt jeder für sich. Man könnte das gemeinsam eingenommene Abendessen auch getrennt bezahlen, aber so sieht es gegen aussen etwas fortschrittlicher aus. Falls es irgendwann zu einer Scheidung kommen sollte, so besteht eine Inventarliste, auf welcher fein säuberlich aufgeführt ist, wem welcher Kaffeelöffel gehört und zusteht. Das Kind wird in der Mitte durchtrennt werden, von oben nach unten. Es bleibt zu hoffen, dass bis dahin geklärt ist, ob die beiden Hirnhälften tatsächlich unterschiedliche Funktionen haben, oder ob diese Theorie überholt ist. Andernfalls wird sich ein Elternteil für das Sprachzentrum, das andere für den musischen Teil entscheiden müssen.

Und dann gibt es die niedliche Bekannte, die mit ihrem Hedgefondmanager-Freund zusammenlebt, der das X-fache von ihr verdient. Er zahlt 280 Franken mehr für die Luxuswohnung am Zürichberg, sie bügelt dafür seine Hemden. Soviel würde er in der Wäscherei auch ausgeben, das hat er ihr so vorgerechnet. Sie ist sehr glücklich über diesen Deal, weil so kann sie sich ab und an ein paar herzige Ballerinas kaufen. Er hat sich jüngst eine Hightech-Skibrille gekauft. Ver- und entspiegelt, klimatisiert und mit Nachtsichtfunktion. Sie hat seine alte bekommen. Zum Vorzugspreis von 75 Franken. Soviel hätte er auf Ebay auch dafür bekommen, das hat er ihr so vorgerechnet. Sie ist sehr glücklich über diesen Deal, schliesslich hat sie somit die Versandspesen sparen können und das sind immerhin 8 Franken. Dafür bekommt man einen schönen Cappuccino im Café Rathaus, das weiss sie genau. Oder aber sie spart das Geld für den gemeinsamen Urlaub auf den Seychellen. Da waren sie vor drei Jahren und es war traumhaft schön. Schon bald hat sie den Betrag abbezahlt, den er ihr dafür vorgeschossen hat.

Beide Systeme werden mit Sicherheit ihre Vorteile haben und beide lösen bei mir einen starken Brechreiz aus. Mein Hirn ist zu einfach gestrickt um zu begreifen, wie man zwar ein Bett teilen und Körpersäfte tauschen kann, aber ansonsten wie ein fleischgewordener Taschenrechner agiert. Wenn zwei Menschen zusammen leben, dann geht es darum herauszufinden, was jeder von sich einbringen kann, um das Zusammenleben so gerecht wie möglich zu gestalten. Es kann sein, dass der eine viel verdient und dafür keine Zeit hat, während der andere viel Zeit hat und wenig verdient. Es wäre schwachsinnig, wenn man dann einfach Miete und Hausarbeit durch 2 teilen würde.

Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass jeder seinen Beitrag leistet und dieser vom Anderen auch als gleichwertig eingeschätzt wird. Es geht darum, dass man auf Augenhöhe bleibt, auch wenn man nicht gleich viel Geld nach Hause bringt. Hausarbeit ist Arbeit im Haus und hat seinen Preis, was vielen erst bewusst wird, wenn sie eine teure Haushaltshilfe einstellen müssen. Aber das wiederum soll nicht bedeuten, dass derjenige, der weniger verdient, automatisch den Haushalt zu schmeissen hat! Aber man muss eine individuelle Lösung finden, die beiden das Gefühl gibt, gerecht zu sein. Wie diese Lösung aussieht, ist allein Ihre Angelegenheit. Ich kenne ein Paar, wo die Frau arbeitet und das Geld nach Hause bringt, während ihr Mann mit zwei kleinen Kindern Zuhause bleibt. Dieser war bis vor kurzem von der Doppelbelastung Kindererziehung und Haushalt abends oft geschafft und hatte keinen Sinn mehr für sinnliches Treiben. Seit einigen Wochen hat sie eine Putzfrau engagiert und ihm das Putzen explizit verboten und beide scheinen mit dieser Lösung auf ihre Kosten zu kommen. Es scheint also diverse Währungen zu geben, die dem stabilen Schweizer Franken das Wasser reichen können.

Finden Sie heraus, welcher Ansatz für Sie beide passt und Ihnen beiden das Gefühl gibt, würdevoll gleichberechtigt zu sein. Sonst tappen Sie auch irgendwann in die Skibrillenfalle und das möchte ich Ihnen unbedingt ersparen!

Alles Gute für die gemeinsame Zukunft und herzlichen Gruss. Ihre Kafi.

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