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Liebe Kafi! Ich finde es toll wie du stets unverblümte Worte findest. Ich lebe in einer tollen, machmal explosiven, aber liebevollen Beziehung mit 6mt Baby. Wir reflektieren uns, entwickeln uns rasant weiter. Aber wir können uns gegenseitig kaum abgrenzen. Gegenseitig sich sorgen, gegenseitig sich von Launen anstecken. Wir haben Empathie, aber Leiden zu oft mit. Sich von Problemen abgrenzen, ohne zu denken, dass die Liebe dadurch leidet.. Hast du einen Tipp für einen Trigger im Alltag? Danke. Eve, 35  

Liebe Eve

Oh, Abgrenzung! Eins meiner Lieblingsthemen! Danke für Ihre Frage! Das Thema ist so ein spannendes, weil es von ganz vielen Menschen missverstanden wird. Viele verwechseln es nämlich mit Egoismus und das ist es in Tat und Wahrheit nicht, im Gegenteil! Menschen, die sich nicht abgrenzen können, tun anderen nämlich nicht gut, sondern sind stattdessen ganz oft eine Zumutung. Trotzdem ist es in unserer Gesellschaft verpönt, wenn man sich zu bewusst abgrenzt. Man gilt dann als Egomane und Selbstdarsteller, dabei hat man  verstanden, dass man sich 1. nicht um alles und alle kümmern kann und 2. dass man den anderen eine grössere Stütze ist, wenn man sich selber gut schaut. (Frauen haben da oft etwas mehr Mühe als Männer, darum haben wir ein Seminar zu diesem Thema gemacht.)

Gerade im Familien-Set-up ist es eine sehr grosse Herausforderung. Ein Baby zerstört ja jegliche Abgrenzung, indem man 24/7 dafür verantwortlich ist. Bei Frauen die stillen ist es noch extremer, da bleibt frau sogar körperlich verbunden und wird so komplett von ihrer Eigenständigkeit abgetrennt. Umso wichtiger ist, dass man es dann später wieder erlernt und einsieht, dass man seinen eigenen Raum braucht. Und das Baby übrigens auch!

Wenn ich in meiner Praxis mit jungen Müttern arbeite, ist das eigentlich immer Thema. Dieses: Wo bleibe ich eigentlich? Was tut mir gut? Wo ist mein Raum? Viele fühlen sich eingeengt bis kastriert und haben Mühe, sich ihren Platz wieder zurückzuerobern. Wenn ich die Frauen dann auffordere, sich mit einem Seil ihren Raum am Boden auszulegen und sie mir dann zeigen, wo das Kind und wo der Partner ist, dann wird es offensichtlich: Diese befinden sich praktisch immer IM Raum der Mutter. Wenn ich die Kundin dann auffordere, den Raum für sich einzunehmen und Mann und Kind ausserhalb auszulegen, dann krümmen sich manche fast. Zu schwer fällt es, die Verantwortung und Kontrolle ein bisschen abzugeben und das schlechte Gewissen, das hochkommt, zu überwinden. Für ganz viele ist das ein sehr schwieriger Prozess, der aber sehr deutlich macht, wo das Problem liegt. 


Das von Ihnen beschriebene Abgrenzungsproblem scheint noch ein Stück grösser zu sein, da es sich nicht um das gemeinsame Baby dreht, sondern losgelöst davon auch zu bestehen scheint. Es ist ja was Schönes, wenn man sich gegenseitig inspirieren und begeistern kann. Wenn man von positiven Gefühlen angesteckt wird; wunderbar! Aber meistens bedeutet es eben auch, dass man sich dann gegenseitig runterzieht, wenn es mal nicht so toll ist. Und nicht selten ist die "angesteckte Person" dann schlussendlich sogar noch tiefer drin, als die, welche die Laune verbreitet hat. Das führt dann dazu, dass man in einer schwierigen Phase nicht aufgefangen wird, sondern selber zum Auffänger wird. Das, das nicht funktionieren kann, ist offensichtlich. 

Eine gesunde Beziehung definiert sich darüber, wie gut sich beide Partner abgrenzen können. Das ist nicht nur in solchen Launen wichtig, sondern auch, wenn man die Erotik am Leben halten möchte. In der totalen Symbiose wird nämlich nicht mehr gefickt. Der Mensch hat da ein Sicherheitssystem eingebaut, das ihn vor Inzest schützt. Dieses Sicherheitssystem wird aktiv, sobald sich zwei Menschen im geschwisterlichem Einklang bewegen und keine Distanz mehr gelebt wird. Darum wird in langjährigen und superharmonischen Beziehungen nur noch der Tisch, aber selten das Bett wirklich miteinander geteilt. 

Empathie ist eine sehr schöne Sache. Aber wie empathischer man ist, umso wichtiger ist, dass man sich ganz bewusst abgrenzt. Das ist ein Schutz, ohne den man sich ganz auflöst in den Gefühlen der Umwelt. Und genau das wird Ihre Aufgabe sein. Reden Sie mal gemeinsam ganz bewusst über Ihre Räume. Wo überschneiden sie sich, wo nicht? Wo würde man sich mehr Raum wünschen und wo hat man Angst, dass einem der andere abhandenkommt, wenn man ihm etwas lange Leine lässt? Meistens liegt dieser krampfhaften Nähe nämlich eine Angst zugrunde, dass man über den anderen keine Kontrolle mehr hat. Es ist nicht einfach, sich das einzugestehen, aber diese Dynamik sehe ich in fast jeder Beziehung. 

Wenn Sie diese Dinge bewusst anschauen und besprechen können, dann ist schon ein grosser Schritt getan, liebe Eve. Denn meistens hat man über diese systemischen Kräfte innerhalb der Beziehung keinerlei Bewusstsein und da hilft es schon sehr, wenn man sich diese mal vor Augen hält. Denn dann hat man sie vor sich und kann daran arbeiten.

Mit herzlichem Gruss! Ihre Kafi

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