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Liebe Kafi. Meine Tochter (14) leidet unter Anorexie und wird behandelt. Nach längerem Spitalaufenthalt ist sie auf gutem Weg. Zur umfassenden Behandlung gehört auch die Psychotherapie. Obwohl alle Fachpersonen sagen, dass dies essentiell ist, wehrt sich mein Mann mit Händen und Füssen dagegen und meint, dass es keinen Nutzen bringt, nur viel kostet und nur wir unsere Tochter therapieren können. Seine Meinung äussert er auch offen vor unserer Tochter. Fachbücher hat er gelesen, alles umsonst. Ich bin ohnmächtig und weiss inzwischen nicht mehr, wie ich ihn überzeugen kann. Für eine vollständige Genesung wäre es wichtig, dass die Eltern einer Meinung sind und eine Einheit bilden. Anzufügen ist, dass mein Mann studiert hat, und man meinen könnte, er hätte einen gewissen Weitblick. ich hoffe auf einen kleinen Zuspruch. Andrea, 53

Liebe Andrea

Leider kenne ich viele studierte Menschen, denen es an Weitblick fehlt. Ich vermute, dieser wird an den Unis nicht gelehrt, was wirklich sehr schade ist, weil ein gewisser Weitblick oft wertvoller wäre, als der gesamte Stoff, der vermittelt wird. Aber das wäre Stoff für eine weitere Antwort. Oder deren Zwei.

Sie befinden sich in einer furchtbar schwierigen Situation, liebe Andrea. Es ist für eine Mutter unfassbar schmerzhaft zu sehen, wie das eigene Kind sich dem Essen und somit auch dem Leben verweigert. Schliesslich hat sie es ihm selber geschenkt. Dementsprechend bin ich froh zu lesen, dass Ihre Tochter auf gutem Wege ist. Dennoch ist die Anorexie eine sehr heimtückische Krankheit, die leider oft nicht mit der ersten Therapie besiegt ist.

Sie wünschen sich von mir einen kleinen Zuspruch. Den werden Sie aber nicht bekommen. Stattdessen einen grossen und dazu noch ordentlichen Tritt in Ihren Allerwertesten. Wenn Sie jetzt noch lange mit Ihrem Mann Ringelreihe tanzen, kann es sein, dass Sie es demnächst um das Grab Ihrer Tochter tun können.

Anorexie (die oft in einer Magersucht mündet) ist eine ernsthafte Angelegenheit und gehört in fachmännische Hände! Neuste Studien belegen, dass ein ambulanter Spitalaufenthalt kombiniert mit einer engen psychologischen Begleitung die besten Erfolgschancen auf Genesung haben. Die können weder Sie noch Ihr Mann bieten. Auch nach ganz vielen Fachbüchern nicht. Das könnten Sie noch nicht mal dann, wenn Sie Psychologen wären. So wie sich ein Zahnarzt auch nicht selbst behandeln kann. Dafür braucht es eine Portion Distanz und Neutralität. Die können Eltern NIEMALS bieten.

Ihre Tochter braucht dringend psychologische Unterstützung. Diese Krankheit ist zu einem grossen Teil eine seelische und muss darum auch auf dieser Ebene angegangen werden. Sie ist in einem Alter, in der Sie einfach handeln können, das wird in ein paar Jahren bedeutend schwieriger sein. Ihren Mann müssen Sie dafür nicht unbedingt auf Ihrer Seite haben. Natürlich wäre es wertvoll, wenn es so wäre. Aber lieber jetzt auf eigene Faust, und ohne Rückendeckung aktiv werden, als vereint in seliger Harmonie mit Ihrem Mann zusammen in Eitelkeit die Tochter vor die Hunde gehen sehen.

Und darum geht es vermutlich; um die verdammte Eitelkeit und um Scham. Es scheint leider immer noch einfacher sein, sich für ein paar Monate wegen eines defekten Hüftgelenks in Kur zu begeben, als die Hilfe eines Psychiaters in Anspruch zu nehmen. Aber auch eine kaputte Hüfte repariert man nicht mit einem Do-it-yourself Ratgeber.

Konfrontieren Sie Ihren Mann. Noch heute. Er soll Farbe bekennen und sagen, was ihm nun wirklich wichtiger ist; sein eigenes Kind oder aber die eigenen Schamgefühle. Ersteres ist auf ihn angewiesen, Zweiteres kann er leichten Herzens bachab gehen lassen.

Alles Liebe und Gute Ihnen. Und viel Kraft. Ihre Kafi.

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