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Liebe Kafi. Seitdem ich dich persönlich kennengelernt habe, und in Natura betrachten konnte, bin ich im Dilemma. Und das nur deiner Zähne wegen. Sie sind in ihrer vorwitzigen Art ausdrucksvoll und charakterstark und scheinen dich in deiner Einzigartigkeit auszumachen. Ich habe sie innert kürzester Zeit gern gewonnen und wollte sie an dir nicht missen! Meine Tochter Sasha (10) hat auch eine geschwungene obere Zahnreihe, welche nicht zur unteren passt, aufgrund dessen der Kieferorthopäde eine Korrektur empfiehlt, welche (wie alle Spangen-Prozedere) langwierig, schmerzvoll und teuer wird. Das würden wir ja sicherlich irgendwie schaffen. Aber seitdem ich deine Zähne kenne, weiss ich nicht, ob ich Sasha somit ihre Einzigart raube? Ich wünsche ihr wahrlich kein Hollywoodgebiss, aber eine peinigende Zahnstellung auch nicht. Wie denkst du darüber? Daniela, 47

Liebe Daniela

Vielen Dank für Deine Frage! Und für das Kompliment, für meine ach so scheppse Zahnstellung. Ich habe die Frage extra ein paar Tage hintangestellt, weil ich sie noch etwas auf mich wirken lassen wollte. Sie ist nämlich alles andere als einfach und ich bin als Mutter auch von ihr betroffen. Schliesslich habe ich eine Zahnversicherung für mein Kind abgeschlossen, als ich den Schwangerschaftstest mit den zwei blauen Streifen noch in Händen hielt. Du siehst, meine Ambivalenz kennt keine Grenzen. Ich liebe Makel, wer mich kennt, weiss das. Mein Freund hat eine kleine Zahnlücke vorne, die ist wahnsinnig sexy und ich habe eine grosse Schwäche für abstehende Ohren. Aber ich würde lieber sterben, als mein Kind wegen sowas Hänseleien auszusetzen.

In der Zwischenzeit ist mein Sohn acht und es scheint, dass sein Vater diesbezüglich dominanter war als ich, aber auch er wird in Bälde schon eine Spange tragen. Allerdings nicht aus ästhetischen Gründen, sondern weil der Fehlbiss gesundheitliche Probleme schaffen wird, früher oder später.

Ich habe das grosse Glück, einen Zahnarzt mit Herz und gesundem Menschenverstand zu kennen (ich habe bereits an anderer Stelle von ihm geschwärmt) und dieser hat mir geholfen, mich mit meinem eigenen Makel anzufreunden. Er war es, der meine Zahnstellung als mein Markenzeichen bezeichnet, und mir damit viel Mut gemacht hat. Das war vor etwa 10 Jahren und heute hadere ich nicht mehr damit. Im Gegenteil, ich habe diese Eigenheit gern gewonnen und versteche mich nicht mehr deswegen. Das war früher allerdings ganz anders. Als Kind litt ich nicht nur unter der Zahnstellung, ich hatte auch noch eine dunkel verfärbte Schaufel, das Ergebnis eines Sturzes als ich knapp ein Jahr alt war. Mit diesem Handicap wuchs ich heran und es war nicht einfach für mich. Irgendwann habe ich nicht mehr gelacht, weil man dann den schiefen und dunklen Zahn am besten sehen konnte. In der Pubertät war es am schlimmsten und anstatt dass meine Mutter mein Leiden erkannte und es beheben liess, tadelte sie mich wegen meines "blöden Gesichts", dass ich immer machen würde.

So vergingen viele Jahre und der dunkle Zahn wurde erst ausgewechselt, als ich zwanzig war. Selbstverständlich trug ich all die Jahre immer wieder Zahnspangen, aber kaum war diese draussen, schoben sich die Zähne in ihre ursprünglichen Positionen zurück. Der wurzellose Zahn konnte die neue Stellung nicht stabilisieren, es war alles vergebens.

Heute könnte ich die Stellung in einer Operation korrigieren lassen, es wäre eine Frage von Zeit und Geld, aber ansonsten keine grosse Sache. Aber ich lasse es so lange als möglich bleiben. Der Eingriff würde die Physiognomie meines Gesichts so drastisch verändern, dass ich Gefahr liefe, mein Gesicht zu verlieren. Das wäre natürlich schade, weil man sich in meinem Alter an ein neues vielleicht nicht mehr gewöhnen kann.

Soviel zu meiner eigenen Geschichte und nun zu der, Deiner Tochter. Ich habe einmal in einer Kolumne von Miklos Gimes gelesen, dass Zürich die höchste Dichte an Zahnkorrekturen hat, hier am meisten in perfekte Zahnreihen investiert wird. Diese Tatsache zeigt, wie viel Wert darauf gelegt wird und wie hoch der Stellenwert der Perfektion für uns ist. Ein Makel, wie eine vorwitzige Zahnstellung, scheint in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr zu haben. Es wird auf den Familienurlaub verzichtet, um dafür der Tochter eine Zahnspange zu verpassen.

Um Deinen Urlaub mache ich mir keine Sorgen, um Sasha aber schon. Sie wird schon bald in die Pubertät kommen und genügend andere Sorgen haben. Allerdings wünsche ich Ihr auch nicht die Hänseleien, die ich selber erfahren musste. Darum rate ich Dir zu einem Zahnarzt, wie ich ihn habe. Einer, der nicht nur darüber nachdenkt, wie er sein Ferienhaus in St. Moritz finanzieren kann, sondern ein gesundes Augenmass besitzt. Wenn Du keinen solchen kennst, dann mach einen Termin bei meinem aus. Er heisst Christoph Asper und hat seine Praxis an der Langstrasse. Sei aber pünktlich, wenn Du hingehst, ein verspäteter Patient ist das einzige, dass ihn aus der Ruhe bringen kann!

Zusätzlich gehst Du zu einem guten Osteopathen und lässt Dich beraten, wie man eine eventuelle Spangen-Phase mit Osteopathie und Cranio-Sacral verkürzen kann. Ich kenne sogar Fälle, in denen damit ganz auf eine Spange verzichtet werden konnte. Vielleicht hast Du ja Glück. Auch hier kann ich Dir meinen empfehlen, der mich seit rund zehn Jahren immer wieder zurecht rückt und dies auch bei meinem Kind tut.

Mit dieser Kombination solltest Du einen Weg finden, der Deiner Tochter und Deiner Einstellung zu Hollywoodgebissen und Makeln gerecht wird. Ich bin sicher, dass Sasha genug Einzigartigkeit besitzt, die eine leichte Korrektur zulässt. Sie ist ja schliesslich Deine Tochter, nicht wahr?

Alles Liebe und bis bald mal wieder in der Kronenhallen Bar! Deine Kafi.

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