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Liebe Kafi, unglücklicherweise findet mein Geburtstag dieses Jahr an einem Sonntag statt. Noch unglücklicher ist, dass ich diesen mit meinen Stiefsohn teilen muss. Nur das wir uns richtig verstehen: ich bin nicht die Stiefmutter von Schneewittchen. Da erfahre ich gestern - nachdem ich ein wenig nachgeforscht habe - von meinem Partner, dass er für diesen Tag (mein und Stiefkinds Geburtstag) Tickets für einen Fussballmatch für sich und seine Kinder!!!! organisiert hat (ohne mich auch zu fragen). Da seine zwei anderen Kinder selten hier sind, verstehe ich natürlich, dass er viel und intensiv mit ihnen zusammen sein will, fühle mich aber trotzdem total ausgeschlossen und irgendwie zur Seite geschoben. Ich hätte mir gewünscht (wieder typisch Paarproblem von zu hohen Erwartungen), dass er etwas für uns alle organisiert (inklusive meiner 2 Kinder). Ein schöner Brunch mit Kuchen oder was weiss ich. Wirklich nichts aufwändiges. Aber statt dessen fragt er seinen Sohn (15), was er gerne an diesem Tag machen wolle. Dieser äusserte natürlich zu Recht seinen Wunsch nach Fussballmatch, ohne dabei sogar darauf hinzuweisen, dass doch auch mein Geburtstag sei. Hätte ich nicht gefragt, hätte ich es wahrscheinlich noch am Tag selber erfahren. Ich habe somit nur noch wenig Zeit, ein Programm für mich alleine am Sonntag zu organisieren. Ich habe auch wirklich überhaubt keine Lust, mich später als Entschädigung zu einem Essen ausführen zu lassen (was er jetzt will). Am liebsten würde ich mich total zurückziehen und alleine sein. Bin ich kindisch? Und was soll ich tun? Noch ein Detail: seine älteste Tochter (17) wohnt voll bei uns und ich bin genauso involviert mit Erziehung und Fürsorge. Meine Kînder sind älter und wohnen in WG's. Verena, ?

Liebe Verena

Ich wäre an Ihrer Stelle auch beleidigt und mit ziemlicher Sicherheit würde ich das abendliche Wiedergutmachungsessen in der Gekränktheit am liebsten auch ablehnen. Und zwar erhobenen Hauptes. Dabei ist die Sachlage, bei näherem Hinsehen und mit etwas kühlem Kopf, gleichzeitig recht einfach und höchst kompliziert.

  1. Er ist ein Mann. Und Sie sind eine Frau. Männer haben einen anderen Bezug zu ihrem Geburtstag, als wir Frauen zu unserem, so wie die Männer auch oft einen entspannteren Umgang mit ihrem Alter haben, als wir eitlen Frauenzimmer. Wir Frauen können uns tagelang damit beschäftigen, was wir unserer besten Freundin schenken und wenn wir das Geschenk dann gefunden haben, verwenden wir noch einmal die gleiche Zeit darauf, es hübsch einzupacken. Männer sind überfordert mit solchem und darum kann auch nur ein Mann auf die absurde Idee kommen, seiner Frau einen Dauerauftrag für monatliche Blumensträusse einzurichten. Wir Frauen hingegen lieben es, etwas zu zelebrieren und am meisten lieben wir es, wenn wir uns selber lobpreisen können. Anders kann ich es mir nicht erklären, wie es kommt, dass sich Frauen stundenlang vor dem Spiegel aufbrezeln können, während sich der Mann innerhalb von fünf Minuten in seine Jeans und ein Hemd stürzt.
  2. Das Feiern des eigenen Geburtstags ist eine hohe Kunst, (die ich im übrigen auch nicht beherrsche, obwohl ich mir wirklich Mühe gebe.) Ich kenne in meinem Umfeld nur einen Menschen, der seinen eigenen Geburtstags gekonnt und souverän zelebriert, und das ist meine beste Freundin. Sie weiss, dass ihr Mann wegen obenstehender Tatsachen nicht so zelebrieren kann, wie sie es gerne hätte, und feiert darum ihren Geburtstag seit Jahren im Kreise lieber Frauen. Ihr Mann ist froh, dass er aus der Pflicht ist, und sie verbringt einen grossartigen und lustigen Znacht mit ihren Freundinnen. Dass der eigene Geburtstag ein neues und unabänderlich höheres Alter mit sich bringt, macht die Sache sicherlich auch nicht gerade einfacher. Oder ist es ein Zufall, dass Sie ein Fragezeichen ins Alter-Feld gesetzt haben? Das Feiern des eigenen Geburtstags will gelernt sein und ich wundere mich wirklich, dass die Migros Klubschule noch nichts in diese Richtung anbietet, wäre es doch vermutlich sinnvoller, als sein Alter wegtöpfern zu wollen.
  3. Patchwork ist vielleicht eine moderne, aber sicherlich keine einfache Sache. Ich bin beim Lesen Ihrer Frage über so einige Kinder gestolpert, die bei Ihnen gemeinsam, oder aber bereits ausserhalb in WG's wohnen und ich kann auch nach mehrmaligem Lesen nicht mit Sicherheit sagen, wie viele es nun genau sind. Aber auf jeden Fall einige und Sie wissen besser als ich, wie anspruchsvoll es ist, in dieser neuen Form des Zusammenlebens seinen eigenen Platz zu finden. Und ebenso tricky ist es, allen auf gerechte Art gerecht zu werden.

Nehmen Sie das Friedensangebot darum trotzdem an und pimpen Sie es noch etwas auf. In der Paartherapie arbeitet man oft mit Versöhnungshandlungen oder -geschenken und auch wenn dies im ersten Moment nach Schmerzensgeld oder nach einem Freikaufen klingt, so funktioniert es in der Praxis erstaunlich gut. Sagen Sie Ihrem Mann so ehrlich, wie Sie es mir geschrieben haben, dass Sie verletzt sind und sich vergessen fühlen und dass für Sie darum nur ein Abendessen im allerschicksten Schuppen in Frage kommt. Oder aber ein Znacht in einem familienfreundlichen Restaurant (wegen der unzählbaren Kinder) und danach eine gemeinsame Nacht in einem schönen Hotel. Oder aber beides und noch einen fetten Klunker oder ein paar sündhaft teure Schuhe dazu. Und ich weiss natürlich, dass das jetzt nach "Kapitalismus gegen Herzschmerz" klingt, aber es wirkt heilend und Heilung ist selten einfacher zu bekommen.

Und wenn Sie trotz allem nicht über Ihren Schatten springen können, oder der Liebste nicht einsehen will, dass er sich ranhalten muss, dann kommen Sie mit mir zu diesem Anlass in den Zürcher Zoo und trinken dort ein Glas Prosecco mit mir. Sie erkennen mich daran, dass ich trotz der Kälte viel zu dünn angezogen bin und darum ständig laut rummaule. Und an der Proseccoflasche in der Handtasche.

Geniessen Sie Ihren Geburtstag! Sie haben es sich verdient! Und nicht nur, weil Sie seinen Balg auch noch grossziehen, sondern grundsätzlich! Alles Liebe! Ihre Kafi!

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