FragFrauFreitag Logo

Liebe Kafi. Was hältst du von offenen Beziehungen? Seit 3 Jahren bin ich mit meinem Freund äusserst glücklich und wir wohnen auch zusammen.. Es pässlet alles wunderbar .. Doch langsam schleicht sich der Alltag in unser eigentlich sehr erfülltes Sexleben ein .. Manchmal hätte ich Lust auf Sex mit einem Fremden oder einfach auf etwas neues ..Aber nicht einen Neuen Typen.. Denn ihn will ich doch gern behalten. ich hab das Thema schon angeschnitten und er ist generell nicht abgeneigt. Doch diese Form von Beziehung birgt schon auch grosse Risiken und wir sind uns nicht sicher ob es sich lohnt diese einzugehen. Was rätst du uns? Oder hast du Tips um das Feuer im Bett wieder stärker zum brennen zu bringen? Leonie, 23

Liebe Leonie

Grundsätzlich habe ich gar nichts gegen offene Beziehungen, nur leider funktionieren sie so gut wie nie. Ich habe es selber auch schon ausprobiert und es geht solange gut, wie man sich nicht verliebt, oder zumindest meint, verliebt zu sein. Natürlich gibt es auch Frauen, die Sex wunderbar von Liebe trennen können. Aber in der Regel ist es nun mal so, dass das Herz nicht unberührt bleibt, wenn man sich von jemanden berühren lässt. Das Begehren, dass eine neue Person hervorrufen und entgegenbringen kann, weckt oft das Bedürfnis nach mehr. Danach etwas Kleines essen gehn? Zusammen einen Film im Kino schauen? Ein Wochenende in einem romantischen Hotel verbringen?

Und dann ist da natürlich auch noch die EIfersucht, die meistens einen der Beziehungspartner quält. Es mag gut sein, dass ein älteres Paar, welches ein Leben miteinander verbracht hat und sich diese Freiheit gegenseitig schenken will, damit umgehen kann. Meistens treibt die geraubte Intimität aber einen Keil zwischen beide Partner und vergiftet das Vertrauen langfristig.

Darum lohnt es sich sehr wohl, die Situation, in der Sie sich befinden einmal etwas genauer anzuschauen. Sie sind nun seit 3 Jahren zusammen und es stimmt so einiges, wenn man vom lodernden Feuer der Leidenschaft einmal absieht. Das ist vollkommen normal und ist chemisch zu erklären. Wenn man jemandem neuen begegnet, werden Hormone à gogo ausgeschüttet, die einem vollkommen meschugge werden lassen. Dieser Zustand hält zwischen 3 Monaten und einem Jahr an. Dann weicht die Spannung allmählich einer Vertrautheit und einem Empfinden von Nähe und Geborgenheit. Es kommen in dieser Phase bereits andere Hormone zum Zug, die dafür sorgen, dass ein Paar eine engere Bindung eingeht und zusammenwächst. Das ist schön und gut, aber mit heissem Sex und dem kopflosen übereinander herfallen, wann immer es die Gelegenheit bietet, hat das natürlich nichts mehr zu tun.

Das ist der Zeitpunkt, in dem sich viele Paare wieder trennen und einem neuen Sexualpartner zuwenden, der diese anfänglichen Hochgefühle wieder zu wecken weiss. Aber auch mit diesem wird man nach einer gewissen Zeit wieder zum Punkt gelangen, wo man sich für etwas Arbeit an der Beziehung, oder für eine Trennung entscheiden muss. Viele Menschen führen ein Leben lang Beziehungen, die maximal 3 Jahre dauern und denken, dass sie einfach noch nicht den richtigen Partner gefunden haben. Dabei passiert es früher oder später auch mit dem heissesten Typen, da hat der Verstand nichts in der Hand, was die Natur aushebeln könnte. Fragen Sie mal Angelina Jolie, warum sie sich die letzten Jahre immer mal wieder ein Kind anschafft, um sich so den Pitt vom Leib zu halten.

Darum rate ich Ihnen viel lieber, sich mit dem Thema aufrichtig auseinander zu setzen. Alles andere befördert Sie nur in eine Wiederholungsschlaufe, die auf Dauer auch nicht glücklich macht.

Ein wichtiger Punkt für die gegenseitige Anziehung ist die Balance zwischen Nähe und Distanz. Sie wohnen mit Ihrem Freund zusammen. Dadurch entsteht selbstverständlich viel Nähe und die hatten Sie ja auch gesucht, sonst wären Sie ja nicht zusammen gezogen. Wie näher sich zwei Menschen kommen und je mehr sie sich in eine Symbiose begeben, umso mehr werden Sie zu "Bruder und Schwester". Zu Partnern, zu einem Team. Das hat ganz viel Gutes, schliesslich ist es etwas Wunderbares, mit dem Liebsten auch noch befreundet zu sein. Aber gleichzeitig geht dabei Leidenschaft und Anziehung verloren. Schiesslich sind wir von der Natur her so programmiert, dass wir unseren Bruder/unsere Schwester nicht begehren.

Es lohnt sich darum, wieder etwas Distanz zu schaffen. Was man auf sicher hat, weckt kaum noch Sehnsucht und Verlangen. Leidenschaft und Begehren drohen an zuviel Nähe und Intimität zu ersticken. Allein ausgehen, allein Dinge erleben und sich danach davon erzählen bringt dagegen wieder etwas Spannung in die Beziehung. Machen Sie dem Alltag einen Strich durch die Rechnung, indem Sie es nicht zur Angewohnheit werden lassen, jeden Abend zusammen zu verbringen. Die Idee der offenen Beziehung klingt auch darum so spannend, weil man sich bewusst wird, dass der Partner auch für andere interessant und attraktiv ist. Aber in der Regel reicht es vollkommen, wenn man realisiert, dass der andere jederzeit in einen Flirt verwickelt werden könnte. Dadurch wird er auch für einen selber wieder anziehend und sexy. Dabei ist es wichtig, dass man sich diesen "Schabernack" gegenseitig eingesteht. Ich plädiere ja schon immer fürs Flirten, weil es dem Ego so verdammt gut tut, und man sich wieder begehrenwert fühlt, ohne einen Schaden in der Beziehung zu hinterlassen. Wenn Sie sich begehrt fühlen, wird das Ihrem Freund nicht verborgen bleiben!

Pflegen Sie Ihre autonome Sexualität. Wenn Sie den Kontakt zum eigenen Körper kultivieren, wird es Sie auch in der gemeinsamen Sexualität stärken. Das gilt auch für Ihren Freund. Lassen Sie ihn ruhig wixen, er nimmt Ihnen damit nichts weg. Nur wer sich selber liebt, und das auch im rein körperlichen Sinne, kann den andern lieben. Nehmen Sie aber auch zum restlichen Körper Kontakt auf. Viele Menschen haben kaum mehr einen Bezug zu sich selber, spüren sich kaum noch. Da wundert es wenig, wenn die sexuellen Schwingungen zum Stillstand kommen. Etwas Yoga oder auch Tanzen kann da wahre Wunder bewirken!

Küssen Sie sich! Die meisten Paare geben sich nach ein paar Jahren nur noch flüchtige Abschieds- und Begrüssungsküsse, die an ein stiefmütterliches Verhältnis erinnern. Dabei ist es erwiesen, dass den Lippen im Lustzentrum des Gehirns mehr Platz und reaktive Zellen zugeornet werden als Ihrer Muschi und seinem Schwanz. Die Empfindungen sind darum beim Schmusen noch grösser, als beim eigentlichen Liebesakt.

Versuchen Sie beide, sich wieder neu zu entdecken. Vermutlich haben Sie einen Mechano entwickelt, der für Sie beide gut funktioniert, aber wenig Platz für neue Experimente zulässt. Erzählen Sie sich offen von Ihren geheimen Phantasien, geben Sie etwas von sich preis. Wenn Sie beide starke Kopfmenschen sind, müssen Sie dafür die Barriere zwischen dem vernünftigen Denken und dem Körpergefühl etwas durchlässiger machen. Das können Sie mit einer Massage bewirken, in der es nicht primär um den Orgasmus als höchtes Ziel geht, oder aber mit weichmachenden Drogen. Ich habe bereits in einer anderen Antwort MDMA und Extasy als die wahre Paartherapie bezeichnet, weil es auf der Herzebene öffnet und als "Futzöffner" funktionert. So gelingt es einem besser, über Wünsche und Phantasien zu sprechen, für die man sich im kopflastigen Zustand vielleicht schämt. Wichtig ist dabei allerdings, dass man nicht zu einem Paar "verkommt", dass nur noch mit Substanzen ficken kann. Es geht mehr darum, einmal eine Auszeit vom Alltag zu nehmen und Erlebtes wiederum in den Alltag zurückzunehmen. Wenn der Transfer dieser Erfahrungen gelingt, kann das eine wunderbare Sache sein, die man sich ein, zweimal im Jahr gönnt.

Aber auf jeden Fall empfehle ich Ihnen das Buch 'Vom Nehmen und Genommen werden'. Es hat ein scheussliches Cover, aber es ist das Beste, was ich jemals zu diesem Thema gelesen habe. Die beiden Autoren sind selber ein langjähriges Paar und arbeiten gemeinsam als Paar- und Sexualtherapeuten und haben so einige Tricks aus der Praxis weiterzugeben. Es ist kein Ratgeber, der Ihnen Tipps gibt à la "machen Sie es doch mal auf dem Küchentisch oder im Freien", weil dies auch nicht wirklich längerfristig aus der Leidenschaftslosigkeit führt. Sie lernen viel mehr, was es auf sich hat mit den verschiedenen Rollen von Mann und Frau. Es kann gut sein, dass Sie für diese Lektüre noch etwas zu jung sind. Ich kann selber nicht genau sagen, ob ich es mit Anfang 20 hätte lesen können. Aber jetzt, nochmals knapp 20 Jahre später muss ich zugeben, dass der Schlüssel zu einem nachhaltig erfüllenden Sexleben vermutlich im Anders sein von Mann und Frau zu finden ist. Anziehungskraft besteht nur zwischen gegensätzlichen Polen und diese können niemals zu Einem verschmelzen.

 

Probieren Sie alles aus, was Ihnen beiden Spass macht und lachen Sie gemeinsam über alles andere! Ganz herzlich, Ihre Kafi.

© 2022, Kafi Freitag – Built with Gatsby