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Nächstenliebe light

Als ich kurz nach dem Massacker von Paris zu Nächstenliebe aufgerufen habe, sind mir zum Teil hohe Wellen der Empörung entgegengeschlagen. Viele Leser hatten sich gefragt, wie man im Angesicht dieser Gewalt und Wut darauf kommen kann, in offensichtlich grenzenloser Naivität zu schreiben "Meine Antwort ist bedingungslose Liebe". Mich hat das damals keine Überwindung gekostet, aber ich habe auch keinen mir nahen Menschen verloren. Das Statement war Ausdruck meiner geistigen Haltung, wie ich der Wut und der Verzweiflung innerhalb und ausserhalb von mir begegnen will. Ich bin der Überzeugung, dass die Welt zu einer besseren wird, je mehr Liebe im Umlauf ist und darum gehe ich mit offenem Herzen durch mein Leben. Es fällt mir leicht. Die Menschen, ich habe sie gern.

So habe ich bis vor ein paar Tagen gedacht, bis ich mich in meinem Blog mit einer Frau auseinandersetzen musste, die den Bau eines Flüchtlingsheims in ihrer Nachbarschaft verhindern will, weil sie dadurch den Wertzerfall ihrer Immobilie befürchtet. Mir wurde auf einen Schlag bewusst, dass meine eigene Nächstenliebe auf ganz dünnem Eis zuhause ist. Meine Empathie, auf die ich mir so viel eingebildet habe, sie hat ihre Grenzen. Sie reicht für seitenspringende Frauen und Männer, für Polygame, Fixer und Huren und sogar für Hundehalter und Pädophile. Sobald ich meine Nächstenliebe aber an Rassisten oder Fremdenfeindliche schenken sollte, verschliesst sich mein Herz wie die hiesige Poststelle abends um sechs. Ich kann es dann noch so wollen, ich scheitere kläglich.Und frage mich selber, wie man einerseits Nächstenliebe predigen und anderseits so furchtbar inkonsequent sein kann. Liebt Gott wirklich all seine Schäfchen gleichermassen, Hitler genau so wie die 6 Mio. ermordeten Juden? Ist sein Herz blind für das Böse in den Menschen und liegt er mit dieser Sehschwäche richtig? Sollte ich es ihm gleichtun und mein Herz den Menschen öffnen, die sich aus Egoismus gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wehren oder am 28. Februar dafür stimmen, dass ein unmenschliches Gesetz verabschiedet wird? Würde meine absolute Liebe in den Menschen etwas bewirken, könnte ich sie damit zu einem Besseren bekehren aber hätte mit diesem Motiv dennoch versagt, weil die Bedingungslosigkeit so für die Füchse wäre? Oder ist es mein gutes Recht, meine Liebe all jenen zu verweigern, die in meinen Augen keine zu geben haben? Habe ich das Recht auf "gelebte Nächstenliebe light" oder soll ich es gleich ganz bleiben lassen? Lieber Gott, wie gehst Du da vor? Fragen über Fragen und keine Antwort weit und breit.

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