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Salut Kafi, Wie oft sollte die Enkelin ihre geliebte demente Grossmutter im Alters-Pflegheim besuchen? Meine inneres Stimme sagt: So oft wie möglich, schliesslich hat sie sich auch rührend um uns Kleinkinder damals gekümmert. Und so den ganzen Tag alleine, mit Demenz noch mehr alleine.. Aber mehr als alle 1-2 Monate, gar 3 schaffe ich es einfach nicht. Senta, 26

Meine liebe Senta

Ihre Frage an mich hat mich sehr gerührt. Da hat man tagtäglich das Gefühl, dass uns je länger je mehr die Menschlichkeit abhanden kommt, sich in kleinen Schritten klammheimlich davon macht und uns zurücklässt in einer Welt, in der nur noch Leistung und Geld und Cool-sein zählt. Und dann kommen Sie mit Ihrer Frage, ob es genug ist, seine demente Grossmutter "nur" jeden dritten Monat zu besuchen. Danke dafür, liebe Senta.

Was Sie da tun, mit Ihren Gedanken um Ihre Grossmutter und mit Ihren Besuchen, das ist sehr liebevoll und zeugt von viel Empathie für diesen Menschen. Sie erinnern sich an Zeiten, in denen sie noch aktiv und für Sie als Enkelkinder da war und wollen Ihr etwas zurück geben. Ich bin überzeugt, dass Ihnen das sehr gut gelingt, auch wenn es "nur" alle drei, statt jeden Monat stattfindet. Was Sie für Ihre Grossmutter empfinden hat nichts damit zu tun, wie oft Sie sie besuchen. Und trotzdem reicht es natürlich nicht, wenn wir nur an unsere Eltern oder Grosseltern, die in einem Heim leben, denken und keine Zeit mit Ihnen verbringen. Sie aber durchwandern in regelmässigen Abständen das Leben Ihrer Grossmutter und geben sich viel Mühe, deren Alleinsein zu mindern. Das ist sehr viel. Schliesslich sind Sie in einem Alter, indem man ganz andere Themen hat und das Leben gehörig was von einem will. Und trotzdem nehmen Sie sich immer wieder diese Zeitfenster und das finde ich sehr anerkennenswert.

Sie sollten sich darum nicht Gedanken darüber machen, wie Sie öfter vorbeigehen könnten, wenn es schlicht und einfach nicht geht. Das macht Sie nur unglücklich und hinterlässt ein schlechtes Gewissen, dass Sie wirklich nicht zu haben brauchen! Am Ende gehen Sie mit einem flauen Magen zu Ihr, weil Sie sich Vorwürfe machen, nicht schon eher gegangen zu sein. Und irgendwann gehen Sie dann gar nicht mehr hin. So wie mein Bekannter, der es immer hinauszögert, seine Mutter anzurufen, weil diese die ersten zehn Minuten des Telefongesprächs immer darüber weint, dass er nicht eher angerufen hat.

Seien Sie stolz auf sich und freuen Sie sich auf die gemeinsame Zeit, die Sie erleben. Und wenn Sie zwischen den Monaten etwas tun möchten, dass Ihnen und Ihrer Grossmutter die Zeit etwas verkürzt, dann schicken Sie ihr doch einfach Postkarten oder Photos, die Sie mit Ihrem Handy geschossen haben. So kann sie ein bisschen an Ihrem Leben teilhaben und Sie können Ihr zeigen, dass Sie an sie denken. Und haben Sie ja nicht Angst, dass ein dementer Mensch das nicht mehr mitbekommt! Die Demenz ist noch immer schlecht erforscht und Liebe ist noch zu jedem Menschen vorgedrungen.

In diesem Sinne auch von mir: alles Liebe! Ihre Kafi.

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