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Sehr geehrte Frau Freitag. Zu Weihnachten wollte ich der Assistentin meines CEO eine Chanel Handtasche schenken. Aus Gründen der Corp. Governance konnte Sie mein Geschenk nicht annehmen. Jetzt starte ich gefrustet ins 2012. Ich pflege es, teure Geschenke zu machen. Nicht, dass noch jemand meint, ich könne mir so was nicht leisten. Dieser Einstellung wegen, bin ich schon oft kritisiert worden. Ist es wirklich ein Verstoss gegen Stil&Etikette einer tollen Frau, einfach so und ohne Hintergedanken, eine Chanel Tasche zu kaufen? Wenn nein, wollen Sie die Tasche? F. M, 26

Mein lieber Herr M

Vielen Dank für Ihre Frage. Sie sind ein bemerkenswerter Mann, das muss ich zugeben. Mit Ihren jugendlichen 26 Jahren sind Sie bereits im Besitze eines CEO's und des nötigen Kleingelds um dessen Assistentin mit einem hübschen Markentäschli zu beschenken. Hut ab. Und statt dass man Sie dafür adäquat bewundert, werden Sie auch noch kritisiert. Das ist nun aber wirklich nicht fair. Da arbeitet man das ganze Jahr eisern und nimmt viele Entbehrungen auf sich. Hat kaum Zeit, das hart verdiente Geld auszugeben und dann will man mal was Nettes tun und dann das! Ich kann Ihren Frust sehr gut verstehen. Ich bin selber im dichtesten Gedränge kurz vor Weihnachten in die Sihlpost gestiefelt und habe dort jedem Postangestellten eine Flasche Pernod Ricard überreicht und den Damen zusätzlich noch ein Cartier-Armketteli. Und selbstver- ständlich auch ohne jegliche Hintergedanken. Was kann ich denn dafür, dass die Beschenkten danach hinter ihren Schaltern in Tränen ausbrachen und die Postkunden für mich Spalier standen und applaudierten. Seither muss ich keine Zettelchen mehr ziehen und stundenlang darauf warten, eine Briefmarke und eine Rolle Gebührenabfallsäcke kaufen zu dürfen. Aber ich habe es nicht deswegen getan, wirklich nicht. Einfach so.

Was können wir daraus lernen? Die Post hat weniger strenge Corporate Governance-Regeln und es lohnt sich, flächendeckend zu schenken. Ich bin sicher, Sie haben in ihrem Unternehmen nicht nur eine Assistentin, weil sonst bräuchte es kaum einen CEO. Seien Sie darum nächstes Jahr noch ein klitzekleinwenig grosszügiger und beschenken Sie all Ihre Mitarbeiter gleichermassen. Und vergessen Sie den Pöstler nicht, der Erfolg Ihres Unternehmens hängt auch davon ab, dass der Postversand zuverlässig funktioniert.

Zum Thema Stil und Etikette darf ich Sie höflich bitten, etwas weiter nach unten zu scrollen. Da äussere ich mich zu Damen, die mit Etiketten herumlaufen. Und nein danke, ich möchte die Tasche auch nicht. Meine Corporate Governance Regeln sind zwar äusserst lasch und erlauben beinahe alles, aber ich habe kein Faible für Taschen, tut mir sehr leid. Ich weiss, dass dieses Handicap bei einer Frau meines Alters pathologische Züge hat und bin deswegen seit Jahren in Behandlung. Sie sehen selber, ich habe es auch nicht leicht.

Kopf hoch und einen guten Rutsch in ein äusserst erfolgreiches 2012!

Ihre Kafi.

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